Gegen das Schweigen: Jede Frau kann es treffen

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

velez-malaga

Gegen das Schweigen: Jede Frau kann es treffen

von Sabine Keller

Die Botschaft: Kein Opfer ist vorhersehbar

Die Gleichstellungsabteilung von Vélez-Málaga hat eine neue Initiative vorgestellt – „Puede ser cualquier mujer“. Der Titel ist Programm. Die Kampagne will mit dem gefährlichen Klischee aufräumen, dass Gewalt gegen Frauen nur in bestimmten Milieus oder an bestimmten Frauentypen geschieht. Nein, sagt der zuständige Stadtrat Juan García: Eine Ärztin, eine Gärtnerin, eine Anwältin, eine Lehrerin – jede kann betroffen sein. Die Botschaft ist so simpel wie richtig, denn sie entzieht sich der bequemen Ausrede, das Problem treffe nur „die anderen“. Wie AxarquiaPlus berichtet, werden ab sofort 30 Mupis und 50 Plakate im gesamten Gemeindegebiet hängen, ergänzt durch „Puntos Violeta“ bei den großen Festen.

Die Illusion der Sichtbarkeit

Doch reicht das? Die Kampagne ist optisch geschickt gemacht. Die Illustrationen stammen von „Feminista Ilustrada“, einer Agentur, die sich auf Prävention spezialisiert hat. Sie zeigen Frauen in alltäglichen Szenen, um den Schrecken mitten im Normalen zu verankern. Das ist wichtig, denn viele Frauen erkennen sich selbst nicht als Opfer, weil sie das typische Bild der zerschlagenen, weinenden Frau nicht erfüllen. Genau da setzt die Kampagne an: Sie will die Augen öffnen, bevor die Schläge fallen. Aber Aufklärung ohne Konsequenz bleibt leere Geste. Wer die Plakate sieht, muss auch wissen, wo er oder sie konkret helfen kann – und dass die Justiz die Täter nicht laufen lässt. Sonst wird aus der guten Absicht nur ein weiterer moralischer Appell.

Der Stadtrat verweist auf die Vorgängerkampagne „Objetivo Cero Agresiones“, die nationale und regionale Preise gewonnen hat. Das zeigt: Vélez-Málaga ist kein Neuling auf dem Feld. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob eine Kommune mit 80.000 Einwohnern nicht mehr tun muss, als Plakate aufzuhängen. Prävention braucht Strukturen: Schutzwohnungen, psychologische Betreuung, konsequente Anzeigen. Die Kampagne ist ein Baustein – aber nicht das ganze Haus.

Schluss mit den Ausreden

Die Gegenposition ist bekannt: „Es wird doch schon genug getan“, „Das ist nur Symbolpolitik“. Beides ist falsch. Gerade weil Gewalt gegen Frauen lange verharmlost wurde, weil die Gesellschaft wegschaute oder dem Opfer die Schuld gab, braucht es solche unmissverständlichen Botschaften. „Puede ser cualquier mujer“ zwingt uns, die Nachbarin, die Kollegin, die Freundin mit anderen Augen zu sehen. Es ist der Versuch, aus dem abstrakten „man“ ein konkretes „du“ zu machen. Dafür verdient die Kampagne Respekt – aber auch den bohrenden Nachhall: Was passiert, wenn die Plakate abgehängt sind? Dann muss die Stadt beweisen, dass sie nicht nur redet, sondern handelt.


Quelle: axarquiaplus.es