
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Eine Insel, eine Hymne
Ein chorografischer Feiertag
Am Freitag erklang aus fast jedem Winkel Mallorcas dieselbe Melodie. Zur gleichen Stunde verwandelten sich Dorfplätze, Kirchenstufen und Amphitheater in ein riesiges, dezentrales Konzerthaus für die Hymne der Insel, "La Balanguera". Die Initiative der Obra Cultural Balear (OCB) markierte das hundertjährige Jubiläum der ersten musikalischen Fassung des Gedichts von Joan Alcover durch Amadeu Vives, wie aus Veranstalterkreisen zu erfahren war. Das Besondere: Über 250 Schulen und rund 300 Vereine und Gemeinden beteiligten sich, um ein bewusst "transversales" Zeichen der "Mallorquinidad" zu setzen – jenseits politischer Lager.
Die Synchronizität war beeindruckend, doch noch bemerkenswerter war die Art und Weise, wie jede Gemeinde der Aktion ihren eigenen lokalen Stempel aufdrückte. Es war weniger ein zentrales Großereignis als ein vielstimmiges Mosaik aus Traditionen.
Lokale Klangfarben einer gemeinsamen Melodie
In Manacor, wo die Feierlichkeiten mit den traditionellen "Cossiers"-Tänzen eröffnet wurden, trafen sich die Chöre des Ortes zur Klavierbegleitung von Petra Riera auf der Plaça del Convent – ein gelungener Auftakt zu den örtlichen Festtagen. In Inca setzten die "Bufaires-Xeremiers" mit ihren traditionellen Sackpfeifen und Trommeln den Ton für den gemeinsamen Gesang, der vom Orfeó l’Harpa und anderen lokalen Gruppen getragen wurde.
Felanitx, Campos und Vilafranca folgten diesem Muster und füllten ihre zentralen Plätze mit den Klängen von Blasorchestern, Kirchenchören und Gesangsvereinen. In Sineu versammelten sich über 600 Menschen auf den Stufen des "Lleó", angeleitet vom örtlichen Pfarrchor und den "Xeremiers". Diese regionale Kartographie des Gesangs zeigte deutlich, wie sehr "La Balanguera" aus dem offiziellen Rahmen herausgetreten und wieder zum Volksgut geworden ist.
Tradition trifft Gemeinschaft
Einige Szenen waren besonders prägnant. In Artà bot das Amphitheater Na Batlessa mit gleich elf beteiligten Gruppen – von der Blaskapelle über den Orfeó Artanenc bis zum Gospelchor – ein überwältigendes Bild von Vielfalt und Einheit. In Sencelles begleiteten "Xeremiers" und eine Riesenfiguren-Truppe ("gegants") den Gesang mit urtümlichem Puls. Und in Binissalem folgte auf die Hymne eine "ballada popular", eine Volks-Tanzveranstaltung, organisiert von der Folkloregruppe Tall de Vermadors, die historisch die erste Gruppe war, die eine Choreografie zu "La Balanguera" einstudierte. Der Abend klang dort mit Eis und "Coca" für alle aus.
Auch in Pollença erklang die Hymne an einem symbolträchtigen Ort: auf den Stufen des Kalvarienberges. In Esporles rundete ein Glas Wein von der lokalen Bodega Can Majoral die Darbietung ab, während in Sant Joan Großmutter und Enkelkind die Veranstaltung gemeinsam moderierten.
Mehr als nur ein Jubiläum
Die breite und durchweg lokale Beteiligung macht deutlich, dass es bei dieser Aktion um weit mehr ging als um ein historisches Gedenken. Es war eine lebendige Bestandsaufnahme des kulturellen Reichtums der Insel. Die Hymne diente als gemeinsamer Nenner, um die Vielfalt der musikalischen Ausdrucksformen – von der Blaskapelle über den Kirchenchor bis zur folkloristischen Tanzgruppe – sicht- und hörbar zu machen. Sie wirkte als Katalysator für Gemeinschaft und zeigte, wie ein kulturelles Erbe in der Gegenwart aktiv gelebt und weitergereicht wird. Nicht eine einzelne Hauptstimme stand im Mittelpunkt, sondern das vielstimmige Geflecht aus lokalen Traditionen, das sich für einen Abend um ein gemeinsames Lied schlang.
Quelle: diariodemallorca.es