
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Die Blutspur der „Rochos“
Eine Aussage, die das Land erschüttert
Es klingt nach einem Thriller, ist aber der Inhalt einer polizeilichen Vernehmung: Cintia Rocho, mutmaßliche Anführerin eines der gefährlichsten Drogenclans Spaniens, behauptet, der ehemalige Richter José Luis Sáenz de Tejada habe ihr telefonisch den Auftrag erteilt, die Ermittlungsrichterin Beatriz Biedma zu „eliminieren“. Die Juristin leitete damals die Ermittlungen gegen den Bruder des spanischen Ministerpräsidenten. Sollte sich diese Aussage bestätigen, wäre dies der Beweis für ein verstörendes Bündnis zwischen organisierter Kriminalität und politischen Kreisen – die „Cloacas“ des Staates, die in Spanien seit Jahren für Schlagzeilen sorgen.
Doch wer ist diese Frau, die da im Zentrum eines politischen Erdbebens steht? Und wer sind die „Rochos“, die nun ungewollt zur Projektionsfläche eines Justizskandals werden?
Vom Armenviertel zur Schreckensherrschaft
Die Wurzeln des Clans liegen im bescheidenen Viertel Cerro de Reyes in Badajoz. Was dort Anfang der 2000er Jahre begann, entwickelte sich zu einem hierarchisch strukturierten Unternehmen, das seit mindestens 2010 den Drogenhandel in den Stadtvierteln der Provinzhauptstadt kontrolliert. Laut Ermittlungsakten verfügen die Mitglieder über erhebliche Geldsummen, ohne einer geregelten Arbeit nachzugehen. Autos und Immobilien werden bar bezahlt, die Besitzverhältnisse über Strohmänner verschleiert.
Das Erfolgsrezept der Bande ist erschreckend simpel: absolute Dominanz durch Gewalt. Wie ein Ermittler es einmal formulierte: „Die Rochos verkauften nicht nur – sie diktierten das Gesetz.“ Die Staatsanwaltschaft beschreibt in ihrer Anklageschrift „gewaltsame Methoden wie Körperverletzungen und Entführungen“, um das Territorium zu sichern. Verkaufsstellen gleichen Festungen, ausgestattet mit Gittern und Überwachungskameras. Die Polizei führte dem Clan über Jahre hinweg immer wieder schwere Schläge zu, etwa 2018 bei der Operation „Granero“, die in einem Großprozess mit zahlreichen Haftstrafen endete. Gebrochen hat es die Organisation nicht.
Ein Krieg ohne Ende
Die Geschichte der „Rochos“ ist untrennbar mit ihrem Erzrivalen verbunden: den „Matías“. Was 2008 mit einer Schießerei aus Eifersucht begann, entwickelte sich zu einem blutigen Kampf um die Vorherrschaft im Drogengeschäft der Extremadura. Beide Seiten bedienen sich inzwischen professioneller Killer, deren Dienste auch kolumbianische Schützen einschließen. Die Spirale der Gewalt eskaliert seit Jahren.
Der traurige Höhepunkt markiert das Jahr 2024. Im Februar wird „El Tutu“, Sohn des Clan-Patriarchen Jesús Rocho, in einem Café an einer Tankstelle regelrecht hingerichtet. Elf Schüsse, fünf Treffer – mitten im Beisein seiner Frau Cintia. Nur Monate später, Ende Dezember, ereilt Jesús Rocho selbst das Schicksal. Er wird auf offener Straße aus einem fahrenden Auto heraus erschossen, sein Wagen prallt gegen einen Zaun. Die Rache der verfeindeten Familie dürfte längst vollzogen sein.
Cintia Rocho verlor in zehn Monaten ihren Ehemann und ihren Vater. Heute hat sie die Führung des Clans übernommen – und findet sich unvermittelt in einem politischen Skandal wieder, der weit über die Drogenszene der Provinz hinausreicht. Ihre Aussage vor der Gardia Civil, der UCO, könnte nun das Fundament einer der größten Justizaffären der jüngeren spanischen Geschichte werden.
Doch ihre Glaubwürdigkeit ist alles andere als gefestigt. Eine verurteilte Drogenhändlerin, die sich Rache oder Vorteile verspricht? Gegner der Theorie werden genau das einwenden: Hier versuche eine Kriminelle, sich für die Verfolgung zu rächen. Doch die Ermittler nehmen die Aussage ernst – zu präzise sind die Angaben, zu brisant der Kontext. Die Vorstellung, dass ein ehemaliger Richter die Beseitigung einer Kollegin in Auftrag gegeben haben soll, um einen politischen Verwandten zu schützen, sprengt jegliche Vorstellung von Rechtsstaatlichkeit.
Die Wahrheit liegt nun in den Händen der Justiz. Fest steht nur eines: In Badajoz, so scheint es, waren die Grenzen zwischen Unterwelt und Staatsgewalt schon lange fließend.
Quellen: Informationen basierend auf einem Bericht von 20minutos.es sowie Recherchen von El Español, El Mundo und Artículo 14.
Quelle: 20minutos.es