Andalusien: Der teuer erkaufte Aufschwung

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

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Andalusien: Der teuer erkaufte Aufschwung

von Redaktion

130.234.000.000 Euro. Diese schwindelerregende Summe, über die die andalusische Regionalregierung informiert, ist mehr als nur eine Zahl. Sie ist der Preis für vier Jahrzehnte europäischer Integration. Seit Spanien 1986 der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitrat, hat Andalusien diese gewaltigen Fördermittel aus Brüssel kassiert – ein Geldsegen, der die Region von Grund auf transformiert hat. Die These ist unumstößlich: Ohne diese milliardenschweren Transfers wäre Andalusien heute ein strukturschwaches Hinterland Europas. Doch der Erfolg hat einen Beigeschmack: Er offenbart eine chronische Abhängigkeit.

Ein Süden im Geldregen

Die Rechnung ist schnell gemacht: Im Schnitt flossen jährlich über 3,2 Milliarden Euro aus den verschiedenen Töpfen der Struktur- und Kohäsionsfonds in den Süden Spaniens. Hinzu kommen, wie aus Regierungskreisen verlautet, bereits über 3.000 Millionen aus dem pandemiebedingten NextGenerationEU-Programm. Das Geld floss in jede Pore der Gesellschaft: Autobahnen und Bahnstrecken, die das Land erschließen; die Modernisierung der Landwirtschaft; die Förderung von Forschung und öffentlichen Dienstleistungen. Selbst der grüne Wandel, der Andalusien heute zum Vorreiter bei erneuerbaren Energien macht, wurde mit EU-Geldern finanziert.

Die offizielle Lesart der Junta de Andalucía, festgehalten in einer aktuellen Regierungserklärung, ist voll des Lobes. Man preist den Binnenmarkt, den Euro und die "entscheidende" Rolle der Kohäsionspolitik für den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt. Tausende Erasmus-Studenten hätten ein europäisches Bewusstsein geschaffen. Doch diese dankbare Rhetorik übersieht geflissentlich das fundamentale Prinzip hinter den Zahlungen: Sie sind kein Geschenk, sondern eine bittere Medizin gegen wirtschaftliche Unterentwicklung.

Die bittere Medizin der Abhängigkeit

Denn die Zuweisung der Fördermillionen folgt einem brutalen, aber effektiven Mechanismus. Sie richtet sich nach dem Abstand der regionalen Pro-Kopf-Einkommen zum europäischen Durchschnitt. Mit anderen Worten: Je ärmer eine Region, desto üppiger die Almosen aus Brüssel. Der andalusische Aufschwung ist somit auch ein eingestandenes Armutszeugnis. Die vermeintlich gute Nachricht – dass die Mittel nun langsam versiegen sollen – ist in Wahrheit die eigentliche Bewährungsprobe. Sie setzt voraus, dass Andalusien endlich auf eigenen Füßen stehen kann.

Doch genau hier liegt der Haken. Während die regionale Regierung von Konvergenz und Beitrag zum europäischen Projekt schwadroniert, ist die wirtschaftliche Realität eine andere. Die Integration ärmerer osteuropäischer Staaten in die EU lenkt die Fördertöpfe unweigerlich nach Osten. Andalusien steht im globalisierten Wettbewerb – und der wird ohne den stetigen Tropf aus Brüssel ungleich härter. Der Appell an den Multilateralismus und das Zitat von Kommissionspräsidentin von der Leyen, Europa sei "eine große Geschichte, die wir gemeinsam schreiben", wirken da wie hilflose Beschwörungsformeln angesichts dieser nackten ökonomischen Logik.

Die Rechnung ohne den Wirt gemacht?

Die Bilanz nach vierzig Jahren ist zwiespältig. Einerseits ist Andalusien zweifellos moderner, vernetzter und grüner geworden. Andererseits hat die Flut an Hilfsgeldern eine politische Kultur der Antragstellung und der Verteilungslogik gefördert, anstatt eine robuste, innovationsgetriebene Eigenwirtschaft zu schmieden. Die nächsten 130 Milliarden wird es nicht geben. Die Frage, ob die bisherigen Investitionen eine nachhaltige Wirtschaftskraft generiert haben oder lediglich eine teure Infrastruktur in einer nach wie vor schwachen Volkswirtschaft, bleibt unbequem.

Die Zeit der großzügigen Transferzahlungen läuft ab. Jetzt muss sich zeigen, ob der milliardenschwere Dünger aus Brüssel tatsächlich fruchtbaren Boden für die Zukunft geschaffen hat – oder ob Andalusien, wenn der Geldhahn zugedreht wird, in alte Muster zurückfällt. Ein bloßer "Empfänger von Hilfen", wie die Junta betont, nicht mehr sein zu wollen, reicht nicht aus. Man muss es auch nicht mehr sein. Dieser Beweis steht noch aus.

Quellen: Angaben der Consejería de Economía der Junta de Andalucía; Regierungserklärung der Junta de Andalucía zum 9. Mai; Daten zum NextGenerationEU-Plan (Stand 31. März 2024).