Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Wohnen ohne Spekulation: Genossenschaftliche Alternativen zum Markt
Die dritte Option: Warum Genossenschaften die Wohnungsfrage neu stellen
Wer in den letzten Jahren nicht erbt, verdient sehr gut oder hat Glück, der kennt das Gefühl: die permanente Unsicherheit am Wohnungsmarkt. Mieten werden zum Glücksspiel, Kaufpreise zur Utopie. Die Geschichte von Georgina Casas und ihrer Familie aus Sant Cugat del Vallès ist dabei kein Einzelfall, sondern symptomatisch. Drei Umzüge in acht Jahren – das ist die Realität für viele, die von den Kapriolen des spekulativen Marktes hin- und hergeworfen werden. Ihre Antwort darauf ist jedoch bemerkenswert: Statt sich dem Diktat von Miete oder Kauf zu beugen, engagiert sie sich bei der Genossenschaft 4 Pins und kämpft für ein radikal anderes Modell: die Wohnung in Nutzungsüberlassung.
Dieser Ansatz ist weit mehr als nur eine persönliche Lösung. Er ist eine fundamentale Kritik an einem System, das Wohnraum zur Ware degradiert hat. Wie Casas in einem Gespräch mit der Lokalzeitung Cugat.cat darlegt, positioniert sich das Modell bewusst „auf halbem Weg zwischen Miete und Kauf“. Der Clou: Das Eigentum an den Gebäuden liegt bei der Genossenschaft, die Mitglieder erwerben lediglich ein Dauernutzungsrecht. Das entzieht die Wohnungen dauerhaft dem spekulativen Kreislauf von Kauf und Verkauf. Es ist eine Absage an die Logik, dass aus einem Grundbedürfnis Profit geschlagen werden kann.
Nicht nur Nachbarn, sondern Gemeinschaft
Die Genossenschaftsmitglieder, so Casas, seien keine bloßen Nachbarn, sondern Teil einer selbstverwalteten Gemeinschaft. Sie betonen Werte wie gegenseitige Unterstützung und aktive Beteiligung – von der Planung der Gebäude bis zur Organisation des gemeinsamen Lebens. „Es ist ein Engagement, das nicht jeder eingehen will“, räumt Casas ein und spricht damit einen zentralen Punkt an. In einer individualisierten Gesellschaft erfordert dieses Modell tatsächlich Einsatz. Es ist kein bequemer Weg, sondern eine bewusste Entscheidung für ein „kontrasystemisches“ Leben, wie sie es nennt. Eine Entscheidung, die oft von Menschen getroffen wird, die der kapitalistischen Logik des Wohnungsmarktes fundamental misstrauen.
Der konkrete Hoffnungsträger für 4 Pins heißt aktuell Benet Moxó. Auf einem städtischen Gelände, das für geförderten Wohnbau vorgesehen ist, könnte eine Fläche für eine genossenschaftliche Baugruppe reserviert werden. Die jüngste Genehmigung einer notwendigen Änderung im Bebauungsplan, berichtet Cugat.cat, hat hierfür den Weg geebnet. Ein Wettbewerb für das Projekt soll noch vor Ende 2026 ausgeschrieben werden. Ein Erfolg wäre ein wichtiger Präzedenzfall und eine konkrete Antwort auf die Forderung der Genossenschaft, dass die Kommune gemeinwohlorientierte Modelle aktiv fördern muss.
Die Grenzen des Modells: Nicht für alle eine Lösung
Trotz aller Überzeugung macht Casas keine Illusionen: Auch dieses Modell ist kein Allheilmittel. Da der Boden für den sozialen Wohnungsbau bestimmt ist, gelten strenge Einkommensgrenzen und andere Zugangsvoraussetzungen. Gleichzeitig ist eine finanzielle Erstbeteiligung nötig. Diese Kombination schränkt den potenziellen Personenkreis erheblich ein – selbst innerhalb der eigenen Genossenschaft werden nicht alle die Kriterien erfüllen können, wie sie bedauert. Eine privatfinanzierte Promotion auf dem teuren Boden Sant Cugats sei dagegen schlicht unmöglich, wie eine frühere Machbarkeitsstudie der Gruppe gezeigt habe.
Das ist die ernüchternde Wahrheit: Selbst das fortschrittlichste Modell stößt innerhalb des bestehenden Systems an Grenzen. Es kann nur eine von vielen Lösungen sein. Doch die zentrale Botschaft von Initiativen wie 4 Pins bleibt unverzichtbar und richtungsweisend: „Was zwingend notwendig ist“, so Casas, „ist, dass mit einem so grundlegenden Recht wie Wohnen nicht spekuliert werden kann.“ Ihr Modell beweist, dass es anders geht – nicht für alle, aber für einige. Und es stellt die Systemfrage, die der Markt bequemerweise ignoriert. Es geht nicht nur um vier Wände, sondern darum, ob wir Wohnen als Ware oder als Gemeingut verstehen wollen.
Quellen: Gespräch mit Georgina Casas von der Genossenschaft 4 Pins und Informationen zur geplanten Entwicklung in Benet Moxó, wie von Cugat.cat berichtet.
Quelle: cugat.cat