Wenn der Strand nur noch die Bühne ist

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Rincón de la Victoria

Wenn der Strand nur noch die Bühne ist

von Sabine Keller

Digitaler Sonnenschein für die Costa del Sol

Die ewige Schwäche des klassischen Strandtourismus liegt auf der Hand: Er ist so saisonal wie die Flugpreise. Ein Ort wie Rincón de la Victoria an der spanischen Costa del Sol könnte sich mit diesem Schicksal abfinden – Sonne, Meer, Sommergäste, fertig. Doch genau das tut die Kommune nicht. Stattdessen inszeniert sie sich jetzt als „intelligentes und vernetztes“ Reiseziel. Ein Projekt namens „Lleno de Vida“ (Voller Leben) soll mithilfe von EU-Fördergeldern die digitale Transformation vorantreiben. Die zentrale Frage lautet: Kann man mit Podcasts und Sprachassistenten die Saisonalität besiegen?

„Rincón de la Victoria ist ein Ziel, das nicht auf sein Wesen verzichtet, aber verstanden hat, dass Innovation das beste Werkzeug zum Wachstum ist“, zitiert das Portal Axarquia Plus den Bürgermeister Francisco Salado. Eine hübsche Formel, hinter der sich eine strategische Weichenstellung verbirgt. Der Ort will nicht weniger, als seine Identität neu zu verhandeln. Vom reinen Badeparadies zum ganzjährigen Kulturerlebnis.

Die Stimme der Nachbarn gegen die Algorithmen

Interessant ist dabei der gewählte Weg. Es geht nicht nur um kalte Datenerfassung und effizientere Besucherströme. Ein Kernstück des Projekts sind zwölf geolokalisierte Podcasts, erzählt nicht von professionellen Sprechern, sondern von Einheimischen. Sie sollen die Geschichte, Legenden und versteckten Winkel der Ortsteile wie Benagalbón oder La Cala del Moral zum Sprechen bringen. „Das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl und zeigt dem Besucher die Authentizität dessen, was wir sind“, so Tourismusstadtrat Antonio José Martín laut Bericht.

Hier liegt der kluge Widerspruch: Man nutzt High-Tech, um vermeintlich Low-Tech-Erlebnisse zu vermarkten – die persönliche Anekdote, das lokale Wissen, den „echten“ Blick hinter die Fassade. Es ist der Versuch, der Uniformität der globalen Reiseplattformen etwas vermeintlich Unverfälschtes entgegenzusetzen. Ob die Besucher diesen inszenierten Authentizitäts-Booster annehmen, wird sich zeigen.

Alexa, wo liegt die Seele von Rincón?

Ein weiteres Tool klingt zunächst wie aus dem Lehrbuch für smarte Städte: eine eigene Skill für den Amazon-Sprachassistenten Alexa. „Tourismus in Rincón de la Victoria“ soll Fragen zu Sehenswürdigkeiten, Restaurants oder Aktivitäten in Echtzeit beantworten. Praktisch, zweifellos. Doch es offenbart auch die Abhängigkeit von privaten Tech-Giganten. Die „Intelligenz“ des intelligenten Reiseziels speist sich dann auch aus den Servern eines Konzerns, dessen Geschäftsmodell auf Datenhunger basiert.

Die Gemeinde setzt damit auf einen Mix aus niedrigschwelliger Bürgerbeteiligung (eine neue Webplattform sammelt Ideen der Bevölkerung) und voraussetzungsvoller Technologie. Man will beides sein: nahbar und hypermodern. Dieser Spagat ist ambitioniert, aber nicht ohne Risiko. Die Gefahr besteht in einer digitalen Fassade, hinter der das touristische Kernproblem – die Monokultur – weiterbesteht.

Ein Testfall für die Zukunft des Massentourismus

Rincón de la Victoria ist kein unbeschriebenes Blatt in dieser Hinsicht. Die Auszeichnung mit dem „Digital Tourist Award 2024“ für ein immersives Erlebnis in der Villa Antiopa zeigt die bisherige Richtung. Das neue Projekt, finanziert aus dem EU-Aufbaufonds NextGenerationEU, setzt diesen Pfad konsequent fort.

Es fungiert als ein Labor für die gesamte Costa del Sol. Kann die Digitalisierung den klassischen Küstentourismus tatsächlich transformieren und ihn widerstandsfähiger machen? Oder schafft sie nur neue Kanäle für das alte Geschäft? Die Antwort wird nicht nur in den Daten-Dashboards der Stadtverwaltung zu finden sein, sondern am Ende auf der Kasse der lokalen Restaurants und Geschäfte im November. Dann zeigt sich, ob die Podcasts der Nachbarn und die Ratschläge von Alexa mehr als nur eine sommerliche Fußnote sind.

Quellen: Die Informationen zu Zitaten von Bürgermeister Francisco Salado und Tourismusstadtrat Antonio José Martín, zur Projektstruktur, Finanzierung durch NextGenerationEU sowie zur bereits erhaltenen Auszeichnung stammen aus dem Bericht auf Axarquia Plus.


Quelle: axarquiaplus.es

Mehr aus Rincón de la Victoria & Costa del Sol & Andalusien