Protokoll einer Katastrophe in Echtzeit

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

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Protokoll einer Katastrophe in Echtzeit

von Clara Weber

Echtzeit-Dialoge aus der Krisenstunde

Die Aufarbeitung der verheerenden Flutkatastrophe im Herbst 2022 in der valencianischen Gemeinschaft nimmt neue, konkrete Formen an. Wie aus Gerichtsunterlagen hervorgeht, die Europa Press vorliegen, hat die damalige Vizepräsidentin der Regionalregierung, Susana Camarero, ihre WhatsApp-Chats mit dem damaligen Regionalsekretär für Familie und Soziale Dienste, Ignacio Grande, dem Ermittlungsrichter in Catarroja übergeben. Diese Nachrichten, teilweise während ihrer eigenen 38-minütigen Teilnahme an der Sitzung des Integrierten Operativen Koordinierungszentrums (Cecopi) verschickt, zeichnen ein minutiöses Bild der Informationslage und der Prioritätensetzung in der kritischen Phase.

”Sind da wirklich hundert Menschen auf den Dächern?”

Der Dialog beginnt am späten Nachmittag des Unglückstages. Camarero, die damals auch das Ministerium für Soziale Dienste leitete, fragt ihren Mitarbeiter gegen 17:00 Uhr nach einer beunruhigenden Meldung: “Habensie gesagt, dass es hundert Menschen auf den Dächern gibt?” Grande bestätigt: “Ja. Was für eine Barbarei.” Die Nachricht bezog sich auf die ersten dramatischen Szenen in Utiel, wo sich der Río Magro bereits über die Ufer geschoben hatte. Sechs Menschen kamen dort ums Leben.

In ihrer späteren Zeugenaussage betonte Camarero, sie habe vom Cecopi keine Kenntnis gehabt und sei nur für ihre eigenen Ressorts – etwa Seniorenheime und Einrichtungen für Minderjährige – “aus erster Hand” informiert gewesen. Während ihrer kurzen Cecopi-Teilnahme bis 17:40 Uhr habe sie die Lage in Utiel zudem als “unter Kontrolle” wahrgenommen. Anschließend verließ sie die virtuelle Krisensitzung, um an einer Preisverleihung der Unternehmervereinigung CEV teilzunehmen.

Fokus auf eigene Einrichtungen während der Eskalation

Der Chat zeigt jedoch, dass die Sorge um die Einrichtungen in ihrer direkten Verantwortung sehr präsent war. Nach der Meldung über die Menschen auf den Dächern fragt sie sofort nach dem Zentrum in Alborache, in dem 80 Minderjährige untergebracht waren. Sie fordert Telefonnummern und Daten an, erkundigt sich nach Ersatzunterkünften und gibt die Anweisung, dass niemand das Gebäude ohne Order des Zivilschutzes verlassen dürfe.

Währenddessen spitzt sich die Großwetterlage weiter zu. Grande berichtet ihr ab 19:11 in einer geballten Ladung von Nachrichten aus dem wieder aufgenommenen Cecopi. Die Liste der Maßnahmen und Warnungen ist lang: SMS-Warnungen an 30 Gemeinden, Kontaktaufnahme mit Bürgermeistern, Ausrufung der Alarmstufe 2 für die gesamte Provinz Valencia mit Ankündigung von Stufe 3 in zwei Stunden. Besonders beunruhigend: Die Stauanlage Forata bei Alborache droht zu überlaufen oder gar zu brechen. “Die Sache sieht sehr schlecht aus”, fasst Grande um 19:30 zusammen und teilt mit, dass die damalige Innenministerin Salomé Pradas ein Confinement, also eine Ausgangssperre, für die ganze Provinz erwäge.

Tragisches Ende und späte Erkenntnis

Die Warn-SMS an die Bevölkerung (ES-Alert) wurde schließlich um 20:11 Uhr verschickt. Kurz danach, gegen 20:52 Uhr, erreicht Camarero die Nachricht über ein weiteres Krisengebiet: “Sie haben gerade das von Paiporta gesagt.” In dem Seniorenheim Paiporta kamen später sechs Bewohner ums Leben. Gegen 23:24 Uhr schickt Grande ein Video aus Paiporta. Die Antwort der Vizepräsidentin: “Na, welch ein Horror.”

Die veröffentlichten Chat-Protokolle werfen Fragen zur Koordination und zur Weitergabe kritischer Informationen in der Regierungsspitze während der sich überstürzenden Ereignisse auf. Sie dokumentieren eine Kommunikation, die zwischen akribischer Fürsorge für bestimmte Einrichtungen und der passiven Rezeption einer sich anbahnenden Gesamtkatastrophe pendelte.


Quelle: europapress.es

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