Leganés: Helden unter der Sakristei

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Leganes

Leganés: Helden unter der Sakristei

von Redaktion5 Min. Lesezeit

Ein barockes Erbe mit doppelter Bedeutung

In Leganés, südwestlich von Madrid, steht ein Gotteshaus, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkt – doch unter seinem Boden lagern historische Schätze. Die Ermita de San Nicasio, ein Sakralbau aus dem 18. Jahrhundert, birgt in ihrer Sakristei die sterblichen Überreste von Julián und Leandro Rejón. Diese beiden Landwirte gelten als lokale Helden, weil sie sich am 2. Mai 1808 aktiv gegen die napoleonischen Invasionsarmee erhoben. Ihr Mut machte sie zu Symbolfiguren des Widerstands gegen die französische Besatzung – ein Kapitel spanischer Geschichte, das in diesem Gebäude buchstäblich unter den Füßen der Besucher liegt.

Die Region Madrid hat nun einen behördlichen Schritt eingeleitet, der die Bedeutung dieses Ortes unterstreicht: Ein Verfahren zur Einstufung als Bien de Interés Patrimonial (BIP) in der Kategorie Monument wurde gestartet. Die entsprechende Resolution erschien im offiziellen Amtsblatt der Autonomen Gemeinschaft Madrid. Die Begründung nennt mehrere Dimensionen: den historischen Wert, die architektonische Qualität, die künstlerische Substanz sowie die städtebauliche und identitätsstiftende Funktion, die das Bauwerk für die Kommune seit Jahrhunderten erfüllt.

Von der Seuchenkapelle zur Pfarrkirche

Die Geschichte der Verehrung des heiligen Nicasius in Leganés reicht deutlich weiter zurück als das heutige Gebäude. Bereits im 16. Jahrhundert suchten die Bewohner angesichts einer verheerenden Epidemie, die die Bevölkerung dezimierte, nach himmlischem Beistand. Sie wandten sich an den Erzbischof von Toledo, Francisco Ximénez de Cisneros, mit der Bitte, beim Papst zu intervenieren. Ziel war es, einen Schutzpatron zu erhalten, den man gegen die Krankheit anrufen konnte. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts traf schließlich die päpstliche Bulle ein, und man begann mit dem Bau einer ersten Kapelle. Deren Fertigstellung zog sich jedoch über fast einhundert Jahre hin.

Diese erste Einsiedelei diente bis weit ins 18. Jahrhundert als Kultstätte, bevor sie durch den heutigen Bau ersetzt wurde. Bei diesem Neubau spielte ein Name eine zentrale Rolle, der in der spanischen Architekturgeschichte schwer wiegt: Ventura Rodríguez. Der Baumeister, der unter anderem für die Brunnen von Cibeles, Neptuno und Apolo in Madrid, die Kirche San Marcos sowie den Palast des Infanten Luis in Boadilla del Monte verantwortlich zeichnet, wird traditionell mit der Ermita in Verbindung gebracht.

Die Behörden formulieren in dem Verfahrensdokument allerdings eine wichtige Einschränkung: Eine vollständig dokumentierte Urheberschaft liege nicht vor, so die Prüfer. Dennoch sei es „sehr plausibel“, dass Rodríguez sowohl den Entwurf der Kapelle als auch den des inzwischen verlorenen Hauptaltars geliefert habe. Bereits eine Beschreibung aus der Zeit vor 1786, die auf Angaben des damaligen Pfarrers von Leganés basierte, schrieb den Bau dem Architekten zu. Auch der Geograph Pascual Madoz notierte in seinem berühmten Lexikon von 1850, es handle sich um eine „hübsche und solide Kapelle“, deren Bau von Ventura Rodríguez geleitet worden sei.

Für den Hochaltar existiert dagegen ein direkter Beleg: Ein Vertrag aus dem Oktober 1764 beauftragte die Werkstatt Diego Camarón und Compañía mit der Ausführung – nach einem Entwurf des Architekten und zu einem Preis von 7.300 Reales. Die Vertragsbedingungen waren streng: Das Holz musste trocken sein und von Ventura Rodríguez persönlich begutachtet werden. Die Skulpturenarbeit war Juan Pascual de Mena vorbehalten oder einem anderen Künstler, den Rodríguez ausdrücklich genehmigte. Alle Teile hatten sich exakt an seine Zeichnung zu halten.

Der Altar selbst ist nicht mehr erhalten – vermutlich fiel er Feuchtigkeit und dem Zahn der Zeit zum Opfer. Ein Kupferstich dokumentiert jedoch sein einstiges Aussehen. Die Inschrift darauf verriet ein damals übliches Anliegen: Wer ein Vaterunser betete und für die Gesundheit des Monarchen und der Königsfamilie, für die Stärkung des Glaubens und die Ausrottung von Häresien bat, dem wurden 240 Tage Ablass gewährt.

Architektonisch weist die Kapelle eine bemerkenswerte Verwandtschaft mit einer anderen Kirche von Ventura Rodríguez auf: der Madrider Kirche San Marcos aus dem Jahr 1749. Diese Ähnlichkeit sowie die hohe Qualität der Ausführung untermauern die Zuschreibung zusätzlich. Der Bau stand bereits vor Juni 1775 – errichtet allerdings auf sumpfigem Gelände. Diese Entscheidung rächte sich über die Jahrhunderte: Feuchtigkeitsschäden begleiten das Gebäude bis heute und sind an einigen Stellen weiterhin sichtbar.

Krieg, Plünderung und Wiederaufbau

Die wechselvolle Geschichte der Einsiedelei ist auch eine Geschichte von Zerstörung und Wiederbelebung. Während des Spanischen Bürgerkriegs wurde das Gebäude geplündert und verlor anschließend seine Funktion. Die ursprüngliche Statue des heiligen Nicasius, ebenfalls ein Werk von Juan Pascual de Mena, war bereits früher verloren gegangen – auch hier wahrscheinlich durch Feuchtigkeit und Alterung. Eine Nachbildung, die die Bruderschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgestellt hatte, wurde bei Ausbruch des Bürgerkriegs zerstört.

Ein altes Banner des Schutzpatrons überstand die Wirren nur, weil Anwohner es während des Konflikts versteckten. In den 1960er Jahren kam die Wende: Gumersindo Repullo Écija, damals Präsident der Hermandad de San Nicasio, initiierte und finanzierte eine umfassende Restaurierung. Seit 1968 dient das Gotteshaus wieder als Pfarrkirche.

Die heutige Figur des Heiligen schuf der Madrider Bildhauer Tomás Parés Pérez im Jahr 1949. Zu ihren Füßen liegt eine kleine Truhe mit einer Reliquie: ein sieben Zentimeter langes Fragment des oberen Endes eines Oberschenkelknochens, das 2019 nach Leganés gelangte. Im Innenraum finden sich zudem vier Wandgemälde des Künstlers Manuel Alcorlo, die Szenen aus dem Leben und den Wundern des heiligen Nicasius zeigen. Alcorlo integrierte dabei lokale Bezüge – so sind die Einsiedelei selbst und die alte Kirche von Polvoranca dargestellt.

Das Bauwerk selbst folgt einem klaren geometrischen Prinzip: einem Grundriss in Form eines griechischen Kreuzes mit zentralem Raum, über dem sich eine halbkugelförmige Kuppel mit Laterne erhebt. Symmetrische Fassaden, Portiken mit Dreiecksgiebeln und korinthische Ordnungselemente bestimmen das Erscheinungsbild. Die Denkmalbehörde wertet die Kapelle als herausragendes Beispiel des Madrider Neoklassizismus des 18. Jahrhunderts, das sich an Vorbildern des römischen Klassizismus orientiere.

Der Schutzantrag umfasst sowohl das Gebäude selbst als auch sein unmittelbares Umfeld. Sollte die Einstufung erfolgen, wäre die Ermita de San Nicasio nicht nur ein Denkmal für einen Heiligen, sondern auch ein dauerhaftes Mahnmal für den zivilen Widerstand gegen Napoleon – und ein Zeugnis dafür, wie Geschichte in scheinbar ruhigen Mauern weiterleben kann.


Quelle: europapress.es

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