Gewalt gegen Retter – ein Weckruf

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

periana

Gewalt gegen Retter – ein Weckruf

von Sabine Keller

Die hilflose Helferfalle

Es war ein Routineeinsatz, der in Sekunden zur lebensbedrohlichen Lage eskalierte: Als eine Streife der Guardia Civil am Samstag in Periana zu einem angeblichen Unfall gerufen wurde, fanden die Beamten keinen Verletzten vor, der auf medizinische Hilfe wartete – sondern einen Mann, der sie mit einem Messer attackierte. Zwei Polizisten wurden verletzt, der Täter, ein 30-jähriger Deutscher, in ein psychiatrisches Krankenhaus eingeliefert.

Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Symptom einer Gesellschaft, die ihre Defizite auf die Schutzmänner vor Ort abwälzt. Die Behörden beeilten sich mitzuteilen, der Vorfall habe nichts mit den jüngsten Sicherheitsprotesten in der Gemeinde zu tun. Wie beruhigend. Nur weil ein psychisch Kranker keine rationale Agenda verfolgt, wird die Gefahr, die von ihm ausging, nicht geringer – sie wird unberechenbarer.

Die These: Psychiatriepolitik ist Sicherheitspolitik

Meine These lautet: Wo die psychiatrische Versorgung kollabiert, steigt die Gewalt gegen Einsatzkräfte. Der Täter war offenbar bekannt für seine Erkrankung, lebte allein in der Region der Alta Axarquía. Niemand hatte ihn in Behandlung? Niemand hatte eine Gefährdungsprognose erstellt? Laut einer Studie des spanischen Innenministeriums von 2023 sind knapp 14 Prozent aller Angriffe auf Polizeibeamte auf psychisch kranke Täter zurückzuführen – ein Anstieg um über 40 Prozent binnen fünf Jahren. Das ist kein Zufall. Es ist die Rechnung, die wir alle zahlen, wenn wir die Psychiatrie kaputtsparen.

Die Politiker in Madrid und Málaga predigen mehr Polizeipräsenz auf dem Land, nachdem sich die Bürger von Periana zu Recht über Einbrüche und Bedrohungen empörten. Doch sie weigern sich, die Ursache zu benennen: Wer psychisch Kranke sich selbst überlässt, darf sich nicht wundern, wenn sie schließlich in Konfrontation mit den Rettern geraten. Die Guardia Civil muss jetzt ausbaden, was die Gesundheitsämter versäumt haben.

Die Konsequenz: Eine falsche Normalität

Dass zwei Ordnungshüter nach diesem Einsatz verletzt sind und dienstunfähig bleiben, wird als bedauerliches Betriebsrisiko abgetan. Dabei hätten sie nicht nur körperlich, sondern auch seelisch Schaden nehmen können. Aber die öffentliche Debatte flüchtet sich in den Einzelfall – ein psychotischer Deutscher, da kann man ja nichts machen. Falsch. Man kann sehr wohl etwas machen: endlich dezentrale psychiatrische Anlaufstellen schaffen, die nicht nur in Ballungszentren existieren. Man kann die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsämtern und Polizei verbessern, statt beide im Stich zu lassen.

Der Fall Periana ist ein Weckruf, den niemand hören will. Solange wir weiter so tun, als sei Gewalt gegen Einsatzkräfte ein unvermeidbarer Tribut und nicht die Folge politischen Versagens, werden immer mehr Beamte zu Blitzableitern einer unterversorgten Gesellschaft. Die Guardia Civil in der Axarquía ist bereit zu helfen. Aber sie ist nicht die psychiatrische Notaufnahme der Nation.

Quelle: Studie des spanischen Innenministeriums zur Sicherheit von Polizeibeamten 2023; Berichterstattung von Diario SUR zur psychiatrischen Unterversorgung in ländlichen Regionen.


Quelle: axarquiaplus.es