Gastarbeiter ohne Gastzimmer

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

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Gastarbeiter ohne Gastzimmer

von Redaktion

Der Traumurlaub für Millionen wird zum Albtraum für diejenigen, die ihn erst möglich machen: Die Wohnungsnot auf Mallorca frisst die Löhne der Tourismusarbeiter auf und treibt sie in die Verzweiflung – oder aus den Inseln hinaus. Während die Debatte um die sogenannte Ökosteuer oft im Elfenbeinturm der Nachhaltigkeit geführt wird, schlägt die Gewerkschaft UGT jetzt einen harten, pragmatischen Kurs ein: Das gesamte Geld aus der Abgabe soll für den Kauf oder die Anmietung von Hotels und Apartments verwendet werden, um sie den Beschäftigten zur Verfügung zu stellen. Das ist keine milde Bitte, sondern eine letzte Warnung an eine Politik, die die „goldene Gans“ des Tourismus zu Tode würgt.

Das System des sozialen Abzocks

Die Lage ist nicht mehr nur angespannt, sie ist explosiv. Laut José García Relucio, dem regionalen UGT-Chef, führt der Mangel an bezahlbarem Wohnraum bereits dazu, dass Festangestellte ihre Jobs nicht antreten, weil sie die Mieten nicht stemmen können. Andere würden in ihren Autos oder Zelten übernachten. Die scheinbare Lösung einiger Arbeitgeber, Unterkünfte zu stellen, entpuppt sich dabei oft als modernes System der Schuldknechtschaft. Die Firmen „verrechnen“ die Unterkunft in Naturalien: durch unbezahlte Mehrarbeit oder das Streichen freier Tage. Das ist keine Fürsorge, das ist Ausbeutung mit Schlüsselübergabe.

Die persönlichen Zeugnisse, die auf einer UGT-Veranstaltung vorgebracht wurden, zeichnen ein Bild einer gespaltenen Gesellschaft. Encarna Ponte, eine Angestellte bei El Corte Inglés mit einem Monatsgehalt von 1.100 Euro, muss die Hälfte davon für eine Miete von 500 Euro aufwenden – und fürchtet die anstehende Erhöhung. Ihre Perspektive? Mit der Rente wird sie die Insel verlassen müssen. Ihr Fall ist kein Einzelschicksal, sondern das neue Standardmodell: Arbeiten, bis es nicht mehr geht, und dann wegziehen. Der italienische Animator Carlo, seit zehn Jahren auf der Insel, lebt mit seiner Tochter in einem einzigen Zimmer einer WG, ein alleinerziehender Vater in der prekären Zwickmühle zwischen saisonalen Touristenmieten und utopischen Dauerpreisen.

Wenn die Gallina stirbt

Die Krise betrifft längst nicht mehr nur das Personal in Hotels und Restaurants. Selbst Beamte, die eine begehrte Stelle auf den Balearen ergattern, sagen aus Kostengründen ab. Antonio Oviedo, Bundesvorsitzender von UGT Servicios, bringt es auf den Punkt: Man laufe Gefahr, die „goldene Gans“ des Tourismus zu töten. Ohne Arbeiter kein Service, ohne Service keine Qualität, ohne Qualität langfristig keine Gäste. Der Mangel an Personal könnte die Branche sogar stilllegen, noch bevor eine angekündigte Streikwelle überhaupt nötig wird. Jede Lohnerhöhung, so Oviedo, werde sofort von der explodierenden Miete geschluckt – eine Teufelsspirale ohne Ausweg.

Die Forderung der Gewerkschaft ist radikal, aber sie folgt einer politischen Logik, die bereits einmal anerkannt wurde. Die spanische Tourismusstaatssekretärin Rosario Sánchez erinnerte daran, dass unter der Vorgängerregierung von Francina Armengol 25 Prozent der Ökosteuer-Einnahmen für Wohnungsbauprojekme reserviert waren. Die aktuelle Regierung unter Marga Prohens (PP) strich diese Initiative. Sánchez unterstützt den Vorstoß der UGT und weist auf ein weiteres, ungenutztes Werkzeug hin: Die Autonomen Gemeinschaften könnten „angespannte Gebiete“ ausrufen, um Mietsteigerungen zu deckeln – eine Möglichkeit, die von der regierenden Volkspartei PP abgelehnt wird.

Eine Frage der Gerechtigkeit, nicht der Nächstenliebe

Es geht hier um mehr als Sozialpolitik. Es geht um die Grundfesten des wichtigsten Wirtschaftszweigs der Balearen. Die Ökosteuer wurde eingeführt, um die ökologischen und sozialen Folgen des Massentourismus abzufedern. Was könnte sozialer sein, als den Menschen, die diesen Tourismus am Laufen halten, ein Dach über dem Kopf zu sichern? Die UGT macht klar, dass sie für ihre Forderung auf die Straße gehen wird – notfalls mit Streiks. Sie stellt die Systemfrage: Wem gehört der Wohlstand, den die Inseln generieren? Den Investoren und Ferienvermietern? Oder auch denen, die ihn mit ihrer Arbeit täglich neu erschaffen?

Die Zeit der leisen Appelle ist vorbei. Entweder die Politik handelt jetzt und lenkt die Millionen aus der Ökosteuer in konkrete Wohnraumlösungen für die Angestellten, oder sie muss sich auf einen heißen Sommer voller Proteste und personeller Engpässe einstellen. Der „Drama habitacional“, von dem die Gewerkschaft spricht, ist real. Ihn zu ignorieren, wäre nicht nur unmenschlich, sondern betriebswirtschaftlich dumm.

Quellen: Berichte und Forderungen der Gewerkschaft UGT, dargelegt von José García Relucio (UGT Balearen), Antonio Oviedo und Lola Navarro (UGT Bundesebene) sowie Tourismusstaatssekretärin Rosario Sánchez auf einer Fachveranstaltung zur Wohnungskrise. Personenzitate und Fallbeispiele von betroffenen Arbeitnehmern wie Encarna Ponte und Carlo wurden im Rahmen dieser Veranstaltung erhoben.

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