Ein Museum für den Schlager: Camilo Sesto und die Politik der Nostalgie

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

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Ein Museum für den Schlager: Camilo Sesto und die Politik der Nostalgie

von Sabine Keller

Kult um den Kitsch? Ein Museum als politisches Statement

Ein Museum für Camilo Sesto. Wer den spanischen Superstar der 70er und 80er Jahre nicht kennt, wird die Dimension dieser Entscheidung kaum fassen: Ein ganzes Haus, 300 Quadratmeter auf zwei Etagen, soll fortan “das Erbe des internationalsten Künstlers aus Alcoi bewahren und teilen”. So formulieren es die offiziellen Pressemitteilungen des Rathauses und der Generalitat Valenciana. Doch hinter der glänzenden Fassade aus holografischen Vitrinen, Originalkostümen aus “Jesus Christ Superstar” und touchscreens verbirgt sich mehr als nur sentimentale Verehrung. Hier wird mit erheblichen öffentlichen Mitteln eine bestimmte Version der spanischen Populärkultur zementiert – und das in Zeiten, in denen sich die Debatten um kulturelle Kanonbildung und sinnvolle Verwendung von EU-Fördermillionen zuspitzen.

Die Kostenfrage: Nostalgie auf Pump der Zukunft?

Man muss es knallhart auf den Punkt bringen: Dieses Projekt ist ein finanzieller Kraftakt, der nur durch den massiven Einsatz europäischer Gelder möglich wurde. Die Sanierung des Gebäudes verschlang knapp 744.000 Euro, wovon 60 Prozent aus den EU-Aufbauhilfen (Next Generation) stammen. Die eigentliche “Musealisierung” durch die Firma Visual Producciones SL kostete weitere 228.223,25 Euro – komplett aus Brüssel finanziert, wie Europa Press berichtet. Die Generalitat Valenciana steuerte allein für die Innenausstattung weitere 292.485 Euro aus europäischen Fördertöpfen bei. Eine Gesamtsumme von weit über einer Million Euro öffentlicher Mittel für ein Schlager-Museum.

Die Gegner solcher Projekte fragen zurecht: Ist das die bestmögliche Verwendung von “Next Generation”-Geldern, die eigentlich dem ökologischen und digitalen Wandel, der Krisenresilienz dienen sollen? Während andere Kommunen in nachhaltige Mobilität oder digitale Infrastruktur investieren, setzt Alcoi auf die immersive Erfahrung von “¿Quién sabe dónde?” und “Vivir así es morir de amor”. Das ist eine klare, politische Prioritätensetzung.

Alcois strategische Rechnung: Emotion als Wirtschaftsfaktor

Die Antwort der Verantwortlichen ist ebenso klar wie strategisch. Für Israel Martínez, den Generaldirektor für Tourismus der Valencianischen Gemeinschaft, ist das Museum kein bloßer Gedenkort, sondern ein “neues touristisches Ressourcenangebot”. Es solle die “Identität des Reiseziels stärken und seine Anziehungskraft erweitern”. Eingebettet ist das Ganze in einen “Touristischen Nachhaltigkeitsplan” (PSTD) für Alcoi, der mit drei Millionen Euro ausgestattet ist. Das Sesto-Museum gehört zum “Wettbewerbsfähigkeits-Achse”, die kulturelle Ressourcen aufwerten soll.

Die Rechnung ist einfach: Aus kulturellem Kapital wird ökonomisches Kapital geschlagen. Der sentimentale Wert, den Sesto für eine breite, vor allem ältere und südamerikanische Fangemeinde besitzt, soll in Ticketverkäufe (10 Euro regulär, 6 für Einheimische) und verlängerte Aufenthalte übersetzt werden. Es ist der Versuch, den Mythos zu monetarisieren. Ob das angesichts des nicht gerade niedrigen Eintrittspreises in einer strukturschwachen Region aufgeht, bleibt abzuwarten.

Das Erbe: Schlager als unverfängliches Nationalnarrativ?

Doch das Museum hat noch eine tiefere, symbolische Ebene. Camilo Sesto, so die offizielle Lesart des Rathauses, war der Sohn der Stadt, der “ihren Namen in die Welt trug”. Er ist eine saubere, unpolitische, emotionsgeladene Identifikationsfigur. In einer Zeit, in der die Bewertung der jüngeren spanischen Geschichte hochumstritten ist – Franco-Diktatur, Transition – bietet der weltabgewandte Schlagerstar eine krisensichere Ersatz-Identität. Hier wird nicht über Vergangenheitsbewältigung gestritten, hier wird gesungen und geschwelgt.

Das ist der vielleicht cleverste Zug des gesamten Unterfangens: Es stellt eine scheinbar unverfängliche, rein emotionale Verbindung zur Heimat her, die über alle politischen Gräben hinweg funktioniert. Der “tiefen Wertschätzung” zwischen Stadt und Künstler, von der die Behörden sprechen, wohnt somit auch eine entpolitisierende, harmonisierende Kraft inne.

Fazit: Ein Denkmal der Bequemlichkeit Das Museu Camilo Sesto ist mehr als ein Fan-Schrein. Es ist ein aufwendig finanziertes politisches Projekt, das lokalen Identitätsstolz mit europäischen Fördergeldern in touristische Wertschöpfung übersetzen will. Es setzt auf Nostalgie statt auf kritische Auseinandersetzung, auf sentimentales Marketing statt auf kontroverse Debatten. Ob das ein würdiges Denkmal für einen Künstler ist, bleibt Geschmackssache. Dass es ein bezeichnendes Dokument der gegenwärtigen Kultur- und Regionalpolitik ist, steht außer Frage. Alcoi hat seinen Superstar endgültig institutionalisiert. Die Frage ist, wer langfristig die Rechnung für diese Form der Erinnerungskultur bezahlt.

Quellen: Angaben zu Kosten, Finanzierung und Zitaten basieren auf der Meldung der Nachrichtenagentur Europa Press sowie Mitteilungen des Rathauses von Alcoi und der Generalitat Valenciana vom 11. Juni.


Quelle: europapress.es

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