Das Smartphone als Stressfaktor: Wenn Kinder leiden

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Balearen

Das Smartphone als Stressfaktor: Wenn Kinder leiden

von Sabine Keller

Die Illusion der Vernetzung macht unsere Kinder krank

Eine Zahl sollte uns allen den Atem stocken lassen: 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen auf den Balearen leiden laut einer aktuellen Untersuchung von Unicef unter Angstzuständen oder Depressionen, die direkt mit ihrer Nutzung von Internet, sozialen Medien und Smartphones in Verbindung gebracht werden. Das ist kein Randphänomen mehr, es ist eine epidemische Nebenwirkung der digitalen “Freiheit”, die wir unseren Jüngsten gewährt haben. Während die Politik über Netzausbau und Digitalpakt schwadroniert, vergiftet der permanente Online-Druck die Kinderseelen. Valentina Milano, Präsidentin von Unicef auf den Balearen, brachte es bei der Vorstellung des Berichts ‘Infanzia Digital’ auf den Punkt: Die Sicherheit von Kindern im Netz kann nicht ihre eigene Verantwortung sein. Eine These, die jedem vernünftigen Menschen einleuchten muss, aber in der Realität sträflich ignoriert wird.

Die Verantwortung liegt nicht bei den Kindern, sondern bei uns

Die nahezu unpopulärste Forderung unserer Zeit ist es, Kindern Grenzen zu setzen – sei es am Esstisch oder im Datenstrom. Unicef stellt klar: Der Schutz der Kinder vor digitalen Gefahren ist eine staatliche und institutionelle Pflicht. Milano fordert zudem, “die digitale Gewalt der realen Gewalt gleichzustellen”. Eine überfällige Gleichstellung! Ein psychischer Angriff in den Kommentarspalten oder via Messenger kann für ein junges Gemüt verheerender sein als eine Rangelei auf dem Schulhof. Die Verletzungen sind unsichtbar, aber nicht weniger real. Und doch agieren wir, als sei das digitale Leben ein rechtsfreier Raum, in dem sich Heranwachsende selbst zurechtfinden müssen. Eine absurde und gefährliche Vorstellung.

Die alarmierende Lücke zwischen Sorge und Handeln

Besonders bezeichnend ist eine weitere Zahl aus der Unicef-Präsentation: Während satte 90 Prozent der Bevölkerung besorgt über den digitalen Einfluss auf Kinder sind, setzen nur drei von zehn Eltern tatsächlich Grenzen bei der Gerätenutzung. Hier klafft eine gigantische Lücke zwischen Betroffenheit und Erziehungswirklichkeit. Die stumme Zustimmung zum nächsten “Unboxing”-Video oder die bequeme Ruhe, die das Tablet am Frühstückstisch schafft, siegt über das eigene Bauchgefühl und jede Studienlage. Diese Disziplinlosigkeit der Erwachsenen ist der Nährboden für die seelischen Nöte der Kinder. Wir delegieren die Aufsicht an Algorithmen, deren einziges Interesse die Verweildauer ist.

Ein Aufruf zum digitalen Widerstand

Was also tun? Die Lösung ist so einfach wie anstrengend: Es braucht den bewussten Widerstand gegen die bequeme Voll-Digitalisierung der Kindheit. Es braucht gesetzliche Rahmensetzungen, die Plattformen in die Pflicht nehmen und kindgerechte digitale Räume schaffen. Vor allem aber braucht es den Mut der Eltern und Erzieher, den Stecker zu ziehen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Die Unicef-Forderung nach mehr Engagement der Familien ist kein frommer Wunsch, sondern eine Notwendigkeit. Jedes Kind, das sich in die Abgründe von Social Media vergleicht, jeden Cybermobbing-Angriff und jede durch den digitalen Overload ausgelöste Angstattacke haben wir, die Erwachsenen, durch unsere Untätigkeit und unsere eigene Abhängigkeit ermöglicht. Es ist Zeit, den Kindern ihre Kindheit zurückzugeben. Draußen und offline. Die Studie von Unicef ist der letzte Weckruf, bevor eine ganze Generation den Schlaf verliert.


Quelle: europapress.es

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