Der Preis der Sicherheit: Ein Krisenzentrum und seine Lehren
Balearen

Der Preis der Sicherheit: Ein Krisenzentrum und seine Lehren

von Redaktion

Das Rezept ist bekannt, die Wirkung bleibt ungewiss. Auf Ibiza wurde nun der „Espai Savina“ eröffnet, ein 24-Stunden-Krisenzentrum für Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die Präsidentin der balearischen Regierung, Marga Prohens, verkündet dies als einen „firmen Schritt“ im Kampf gegen Gewalt. Die Konsellera Sandra Fernández spricht von einem „wesentlichen Dienst“, der die Betroffenen ins Zentrum stellt. Die Zahlen sind beeindruckend: Eine staatliche Stelle hat 537 Anrufe auf Ibiza im Jahr 2025 registriert. Der Dienst kostet rund 570.000 Euro pro Jahr, die Personalkosten von etwa 400.000 Euro trägt das balearische Institut für Frauen (IbDona). Eine erste Reaktion ist also organisiert. Doch ist das der Sieg über die Gewalt? Ich sage: Es ist nur die erste, notwendige Verbandspackung für eine systemische Wunde.

Die Inszenierung der Politik und das Echo der Realität. Die medienwirksame Eröffnung mit der Präsidentin, die schon bestehenden Zentren auf Mallorca und Menorca – all dies folgt einem gut gemeinten, aber politisch altbekannten Drehbuch. Wie die Regierung berichtet, bietet der „Espai Savina“ permanente Betreuung, psychologische, juristische und technische Hilfe sowie eine 24-Stunden-Hotline. Ein kostenloser Notruf (900 009 888) steht bereit. Das ist gut. Es ist ein humanitäres Mindestmaß. Doch wer hinter die Kulissen dieser Pressemitteilung blickt, muss fragen: Ist dieser Dienst das Ziel oder nur der Anfang? Die Politik feiert die Einrichtung als Errungenschaft. Ich feiere sie als minimale Verpflichtung. Eine Gesellschaft, die solche Zentren benötigt, hat bereits verloren. Sie hat verloren, weil sie die Gewalt nicht an der Quelle bekämpft – in den Köpfen, in der Kultur, in den Machtstrukturen.

Die Betreuung ist ein Akt der Würde, nicht der Lösung. Die Verantwortlichen argumentieren, dass die Betroffenen nun „begleitet“ werden und ihre „Zeiten respektiert“ werden. Das ist wahr und wichtig. Doch diese Begleitung ist eine Reparatur nach dem Bruch. Sie behandelt die Folgen, nicht die Ursachen. Der Fokus liegt auf der „Koordination“ der Hilfe und der „Information“ über Verfahren. Das sind administrative und psychologische Maßnahmen. Die eigentliche Konfrontation – mit einer Kultur, die Gewalt oft stillschweigend toleriert, mit einer Justiz, die Opfer noch zu oft zweifeln lässt, mit einer Gesellschaft, die Männlichkeit oft mit Dominanz verwechselt – bleibt ausgeklammert. Die 569.801 Euro sind ein Preis für die Pflege der Verwundeten. Der Preis für die Prävention ist unbezahlt.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache – und sie verlangen mehr. Die Statistik, auf die sich die Behörden stützen, ist alarmierend: Der Frauennotdienst der Balearen registrierte auf Ibiza allein 537 Anrufe, 12,7 Prozent aller Anrufe der Region. Die Frauenbüros leiteten über 50 Fälle sexualisierter Aggressionen weiter. Diese Zahlen sind nicht ein Erfolgsbericht für das neue Zentrum; sie sind ein Anklagebericht gegen den Zustand unserer Gemeinschaft. Sie zeigen, dass die Gewalt nicht ein Randphänomen ist, sondern ein zentrales Problem. Ein Krisenzentrum ist dann keine Lösung, sondern ein Beweis für das fortwährende Versagen unserer präventiven Politik. Wir stellen eine Ambulanz am Fuß des Berges auf, anstatt den Berg zu sperren, von dem die Gewalt herabfällt.

Die Einrichtung des „Espai Savina“ auf Ibiza ist ein notwendiger humanitärer Akt. Doch wer ihn als politischen Triumph verkauft, verkennt die Wahrheit. Die Wahrheit ist: Wir bezahlen jetzt für die Versorgung der Opfer, weil wir nicht bereit waren, früher für die Abschaffung der Gewalt zu investieren. Die Hotline ist ein Symbol unserer Bereitschaft zu helfen – und unserer Unfähigkeit, das Problem zu beenden. Die Politik sollte sich nicht auf die Eröffnung neuer Zentren beschränken. Sie muss den Mut finden, die Gesellschaft zu verändern, die diese Zentren nötig macht.

Quellen: Mitteilung des Consell d’Eivissa und Präsentation des Espai Savina; Angaben des Instituto Balear de la Mujer (IbDona) zur Finanzierung und Fallstatistik; Bericht von Europa Press über die Eröffnung und Besuche der Präsidentin Marga Prohens und der Konsellera Sandra Fernández.