Zehn Jahre nach La Manada

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

pamplona

Zehn Jahre nach La Manada

von Clara Weber

Ein Raum, der zur Falle wurde

Der forensische Arzt Miguel Lorente zeichnete einmal in einem Hörsaal ein Rechteck auf den Boden: 2,73 Meter lang und zwischen einem und eineinhalb Meter breit – die Maße des Hausflurs, in dem fünf Männer während der Sanfermines 2016 eine 18-Jährige einkesselten und vergewaltigten. Er ließ sechs Studenten hineintreten; sie konnten sich kaum bewegen. „Wirkt das einschüchternd oder nicht?“, fragte er. Die Antwort war klar – für die Justiz aber damals nicht. Ein Gericht in Navarra wertete die Tat zunächst nicht als Vergewaltigung, weil das Opfer sich nicht „mit Händen und Füßen“ gewehrt hatte.

Von Empörung zu einer neuen Rechtsordnung

Das Urteil von 2018 sprach die fünf Angeklagten des fortgesetzten sexuellen Missbrauchs schuldig, nicht der sexuellen Nötigung – die Richter sahen keine Einschüchterung. Ein Sondervotum des Richters Ricardo González sprach sogar von einem „Umfeld von Ausgelassenheit und Fröhlichkeit“. Die Wut der Gesellschaft entlud sich in Massenprotesten. „Das ist keine Misshandlung, das ist Vergewaltigung“ wurde zum Schlachtruf der vierten feministischen Welle.

Erst 2021 korrigierte der Oberste Gerichtshof das Urteil: Die Tat sei eindeutig eine sexuelle Nötigung gewesen. Die Haftstrafe stieg von neun auf fünfzehn Jahre. Der Richter Vicente Magro, einer der fünf Verfasser dieses historischen Urteils, erklärte gegenüber 20minutos: „Fünf Personen in einem Hausflur – das ist objektiv einschüchternd.“ Die Entscheidung schuf eine landesweit gültige Doktrin.

Vom „Nein heißt Nein“ zum „Nur Ja heißt Ja“

Der Fall rückte das Thema Einverständnis ins Zentrum der Debatte. Bislang galt: Wer sich nicht heftig wehrt, dem wurde keine Vergewaltigung angetan. Die Bewegung „Hermana, yo sí te creo“ („Schwester, ich glaube dir“) solidarisierte sich mit dem Opfer und später mit allen Frauen, deren Aussagen in Zweifel gezogen wurden.

2022 verabschiedete die damalige Gleichstellungsministerin Irene Montero das Gesetz zur sexuellen Freiheit, das den Unterschied zwischen Missbrauch und Nötigung aufhob. Alle Sexualdelikte wurden unter einen einheitlichen Straftatbestand gefasst, der allein auf fehlendem Einverständnis beruht. Die Spannweite der Strafen wurde größer: Die Höchststrafe stieg, doch die Mindeststrafe sank.

Paradoxe Folgen für die Täter von Pamplona

Genau diese Mindeststrafe führte zu einem unerwarteten Effekt: Mehr als tausend verurteilte Sexualstraftäter konnten ihre Haftzeit verkürzen lassen, weil das neue Recht für sie günstiger war. Auch drei der fünf Männer von La Manada profitierten davon: Zwischen 2023 und 2025 wurden ihre Strafen von fünfzehn auf vierzehn Jahre herabgesetzt. Der Fall, der das Gesetz erst angestoßen hatte, wurde nun von dessen eigenen Regeln eingeholt – ein bitterer Beigeschmack für viele Feministinnen.


Quelle: 20minutos.es