
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Wieder ein Cayuco: 100 Menschen vor El Hierro
Die Realität, die keiner sehen will
Während sich die politische Klasse in Madrid in Koalitionsdebatten und Personalquerelen ergeht, spielt sich vor der Küste Spaniens die humanitäre Tragödie des Jahrzehnts ab – beinahe täglich. Der jüngste Vorfall ist nur ein weiteres Glied in einer endlosen Kette: Ein abermals heillos überladenes Holzboot mit schätzungsweise 100 Menschen an Bord treibt vor El Hierro. Die "Salvamar Dipha" hat das Schlauchboot geortet und eskortiert es nun zum Hafen von La Restinga.
Ein Drama mit Ansage
Zugegeben, die Zahlen sind spröde, die Rettungseinsätze folgen einer traurigen Routine: Radar detektiert, Boot geortet, Schlepper unterwegs, Hafen ansteuern. Gegen 18 Uhr soll der Cayuco am Kai festmachen. Doch hinter dieser nüchternen Logistik verbirgt sich das Versagen einer gesamten Migrationspolitik. Es ist Donnerstag, 16.07 Uhr, als das SIVE-Radar der Guardia Civil den Kontakt meldet. Zehn Meilen südöstlich der Insel – ein Katzensprung, gemessen an den tausend Kilometern Fluchtweg, die diese Menschen aus Westafrika zurückgelegt haben.
Man muss sich die Absurdität dieser Situation einmal bewusst machen: Während spanische Politiker darüber streiten, ob man linke Wahlbündnisse schmiedet oder die Universitätsreform kippt, schicken mutige Männer und Frauen ihre Kinder auf schwimmende Särge. Niemand hier hat Interesse daran, die wahren Ursachen zu benennen – die ökonomische Ausbeutung, die politischen Instabilitäten, die Segnungen des globalen Handels, der den Westen bereichert und Afrika im Stillstand lässt.
Die bequeme Lüge von der "irregulären Migration"
Die Phrase von der "irregulären Migration" ist nichts weiter als ein sprachliches Feigenblatt. Wer aus Mauretanien oder Gambia aufbricht, riskiert sein Leben für eine Illusion, die wir Europäer längst als Selbstverständlichkeit betrachten. Es ist ein Armutszeugnis, dass die Diskussion in Deutschland und Brüssel vornehmlich um Grenzwerte und Zurückweisungen kreist, während an Orten wie El Hierro die blanke Not anlandet.
Die Kanarischen Inseln sind zur Festung Europas im Atlantik geworden, aber die Festung bröckelt – nicht durch militärische Angriffe, sondern durch die schiere Verzweiflung einer halben Milliarde Menschen südlich der Sahara. Wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtet, sind es jedes Mal dieselben Szenen: Die Holzboote kommen, die Retter helfen, die Beamten registrieren. Doch niemand fragt, warum diese Menschen überhaupt fliehen.
Eine Frage der Moral
Die Antwort auf diese Frage wäre unbequem. Sie würde verlangen, die eigene Wohlstandspolitik zu hinterfragen, Subventionen für europäische Landwirtschaft genauso wie die Ausbeutung afrikanischer Rohstoffe. Solange diese Wahrheit ausgeblendet wird, solange wir die Annehmlichkeiten unserer Gesellschaft mit dem Leid anderer bezahlen, wird der Strom nie abreisen. Und die Bewohner von La Restinga, deren Hafen längst zum Symbol der Hilflosigkeit geworden ist, werden weiterhin Zeugen eines Dramas, das uns alle angeht.
Das Boot ist inzwischen in Sichtweite des Hafens. Die 100 Menschen an Bord werden registriert, versorgt, untergebracht – bis zum nächsten Einsatz. Diese Geschichte wiederholt sich, bis jemand den Mut findet, die Ursachen zu benennen. Wir sollten nicht länger wegschauen, wenn vor unserer Haustür die Fragilität der humanitären Ordnung sichtbar wird. Europa steht vor einem Scherbenhaufen seiner eigenen Migrationspolitik – und die Wellen vor El Hierro erzählen davon mehr als jede Sonntagsrede im Bundestag.
Quelle: europapress.es