
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
War Kataloniens Mini-Hurrikan ein Novum?
Ein Sturm, der die Meteorologie herausfordert
Die sintflutartigen Regenfälle, die Anfang Oktober Katalonien lahmlegten, waren nicht nur eine Naturkatastrophe mit Todesopfern und Rekordmesswerten – sie könnten ein wissenschaftliches Novum darstellen. Während Politiker wie Regierungschef Salvador Illa schnell von einem „Mini-Hurrikan“ sprachen, gehen Experten nun der Frage nach, ob hier etwas stattfand, was es im Mittelmeer theoretisch gar nicht geben dürfte: eine vollwertige tropische Zyklogenese.
Ein Sturm ohne Vorläufer
Die Zahlen sind beeindruckend und erschreckend zugleich: 288 Liter pro Quadratmeter in Vilassar de Mar, 213 Liter in Barcelona – Werte, die die Hauptstadt so noch nie gesehen hat. Doch es ist nicht die Menge des Wassers, die Forscher jetzt umtreibt, sondern die Entstehungsgeschichte des Sturmsystems. Der Meteorologe Carlos Calvo-Sancho vom CIDE-CSIC beschreibt im Gespräch mit 20minutos eine kühne These: Normalerweise entstehen sogenannte Medicanes – Hybridwesen aus Mittelmeer-Zyklonen und tropischen Hurrikanen – durch Störungen in der Höhenströmung. Dieses Mal fehlte dieser Auslöser komplett.
Wenn das Meer zum Zündfunken wird
Stattdessen herrschten andere Bedingungen: Das Mittelmeer hatte mit 25 bis 26 Grad Wassertemperatur den Schwellenwert erreicht, der im Atlantik für tropische Wirbelstürme definiert ist. „Die Hypothese ist, dass diese extreme Wärmeanomalie die Entwicklung des konvektiven Systems ermöglicht hat – der Beginn einer rein tropischen Zyklogenese, wie sie im Mittelmeer noch nie beobachtet wurde“, so Calvo-Sancho. Zum Vergleich: Herkömmliche Medicanes sind quasi „umgebaute“ Tiefdruckgebiete, die durch die Wärme des Meeres tropische Eigenschaften annehmen. Diesmal jedoch schien das System von Anfang an „pur tropisch“ zu agieren – ohne die sonst übliche barokline Vorstufe.
Katalonien als neues tropisches Labor?
Unterstützung erhält diese These von prominenter Seite. Juan Jesús González Alemán, Meteorologe der staatlichen Agentur Aemet, sorgte mit einem Beitrag auf der Plattform X für Aufsehen. Er schrieb, das Ereignis sei „konsistenter mit einem Prozess tropischer Zyklogenese“ und fügte hinzu: „Wenn man die Küstenlinien entfernt, würde jeder Tropenexperte denken, das Bild gehöre in den Atlantik.“ In einem Interview mit La Vanguardia zog er die Konsequenz: „Das Mittelmeer ist offenbar bereits in der Lage, reine Tropenprozesse zu unterstützen.“ Zwar betont auch er, dass sich der Sturm vermutlich nicht vollständig zu einem Zyklon entwickeln konnte – doch allein die Tatsache, dass der Prozess begann, sei ein alarmierendes Signal.
Der Klimawandel schreibt neue Regeln
Was wie ein akademisches Glasperlenspiel klingt, hat eine tiefere Brisanz: Bislang galten die physikalischen Bedingungen des Mittelmeers als zu wenig energiereich für eine rein tropische Zyklogenese. Dass nun ausgerechnet der westliche Mittelmeerraum als Kandidat für ein solches Ereignis ins Visier gerät, wäre eine direkte Folge der fortschreitenden Erwärmung. Die Forscher betonen zwar, dass die Analysen noch ausstehen – doch die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann das nächste Extremereignis die bisherige Klassifikationssysteme sprengt. Mit einem Mal ist das Mittelmeer nicht mehr nur ein Hotspot für Überschwemmungen, sondern ein potenzieller Geburtsort von Stürmen, die eigentlich in die Karibik gehören.
Quelle: Carlos Calvo-Sancho (CIDE-CSIC) gegenüber 20minutos; Juan Jesús González Alemán (Aemet) auf X und gegenüber La Vanguardia.
Quelle: 20minutos.es