Tierschutz im Migrationskonflikt

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

eivissa

Tierschutz im Migrationskonflikt

von Sabine Keller

Wenn Bürokratie über Leben entscheidet

Es ist ein stiller, oft übersehener Aspekt der europäischen Migrationsrealität: Sie kommen nicht allein. In überfüllten Booten, versteckt in Lastwagen oder auf riskanten Fußmärschen sind es nicht selten Haustiere, die ihre Menschen begleiten – die letzten treuen Begleiter auf einer Flucht ins Ungewisse. Was aber geschieht mit diesen Tieren, wenn sie EU-Territorium erreichen? In Spanien, so macht die Tierschutzpartei Pacma mit drastischer Deutlichkeit publik, ist die Antwort oft erschreckend simpel: der Tod. Ein präventiver Tod, angeordnet von Behörden, die in einem administrativen Vakuum feststecken.

Pacma fordert deshalb, wie aus einer aktuellen Stellungnahme hervorgeht, die umgehende Erarbeitung verbindlicher und spezifischer Protokolle für genau diese Tiere. Der Vorwurf ist scharf: Bislang würden Tiere aufgrund ihrer bloßen Herkunft oder bürokratischer Mängel, etwa bei der Dokumentation der Tollwutimpfung, routinemäßig getötet. Es sei „inakzeptabel“, dass scheinbar gesunde Tiere diesem „automatischen“ Verfahren unterlägen, nur weil klare und zwischen den Verwaltungsebenen abgestimmte Pläne fehlten.

Der Fall Ikram: Ein Hund im Normen-Limbo

Die Forderung ist kein theoretisches Postulat. Sie speist sich aus einem konkreten, andauernden Einzelfall, der beispielhaft das Systemversagen offenlegt. Im Juni des vergangenen Jahres erreichte die Hündin Ikram, noch ein Welpe, zusammen mit einem minderjährigen Migranten per Boot die Küste von Ibiza. Ihr Herkunftsland: Algerien. Seitdem, so Pacma, befinde sich Ikram in einem „rechtlichen Schwebezustand“. Obwohl das Tier in all der Zeit keinerlei mit Tollwut vereinbare Symptome gezeigt habe, lastet das Damoklesschwert der „präventiven Tötung“ über ihr.

Die Situation ist absurd zerrissen: Während staatliche und regionale Behörden diesen Schritt erwägen, weigern sich die lokalen Stellen, bei denen Ikram derzeit untergebracht ist, die Exekution anzuordnen. Ein ähnliches Schicksal teilt, wie die Partei berichtet, ein Pudel, der im Dezember unter vergleichbaren Umständen – ohne Impfnachweis aus dem Herkunftsland – ankam. Beide Fälle offenbaren einen grotesken Konflikt, in dem die Fürsorgepflicht für Lebewesen im Dickicht der Kompetenzen und Angst vor Seuchen untergeht.

Der schnelle Tod darf nicht die einfache Antwort sein

„Die Tötung kann nicht weiter die sofortige Antwort auf komplexe Situationen sein, die eine individualisierte Bewertung und aktualisierte wissenschaftliche Kriterien erfordern.“ Diese klare Ansage stammt von Olivier Hassler, dem insularen Koordinator von Pacma auf Ibiza. Er bringt damit den Kern des ethischen Widerspruchs auf den Punkt. Anstelle einer reflexhaften Vernichtung schlägt Pacma einen Maßnahmenkatalog vor, der zeugen soll von Vernunft und Mitgefühl zugleich.

Gefordert wird ein staatliches Protokoll, das kontrollierte Quarantänen, diagnostische Tests, tierärztliche Überwachung und – wo nötig – Programme zur gesundheitlichen Regularisierung oder sogar eine sichere Rückführung ins Herkunftsland unter Aufsicht von Tierschutzorganisationen vorsieht. Es geht also um Procedere, die das Leben schützen, anstatt es administrativ zu negieren. Ein solcher Rahmen würde nicht nur den Tieren gerecht, sondern auch den Menschen, für die sie oft mehr sind als nur Besitz: Sie sind Stück Heimat, Trost und Familie.

Ein Lackmustest für unseren Umgang mit dem Lebendigen

Die Debatte um Ikram und ihre Leidensgenossen ist weit mehr als eine tierpolitische Fachfrage. Sie ist ein Lackmustest für die humanitäre und administrative Reife einer Gesellschaft im Umgang mit den komplexen Folgen der Migration. Was sagt es über uns, wenn wir in unserer Abschottungslogik auch die wehrlosesten Wesen, die nur ihre Menschen begleiteten, erbarmungslos aussortieren? Die von Pacma aufgezeigte Praxis ist das Resultat einer Politik, die in erster Linie auf Risikominimierung und Abwehr setzt – auch auf Kosten elementarer Schutzgüter.

Die Lösung kann nicht in grenzenloser Nachsicht, aber sehr wohl in praktikabler, wissenschaftlich fundierter Pragmatik liegen. Die von der Partei vorgeschlagenen Maßnahmen sind keine Utopie, sondern gelebte Praxis in anderen Kontexten der Tier- und Seuchenbekämpfung. Ihre Umsetzung würde ein Ende des „rechtlichen Schwebezustands“ bedeuten – sowohl für die Tiere als auch für die verantwortlichen Beamten vor Ort. Es ist Zeit, dass Spanien, dieses Land, das an vorderster Front der Migration steht, hier eine Vorreiterrolle übernimmt. Nicht der Tod, sondern das Leben muss der Ausgangspunkt unseres Handelns sein.

Quellen: Mitteilung der Partei Pacma zum Fall „Ikram“ und der Forderung nach staatlichen Protokollen für Begleittiere von Migranten (Mai 2024).


Quelle: europapress.es