
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Tauchnetzwerk fischt 8,4 Tonnen Müll aus dem Meer
Der Ozean als Müllkippe: 8.375 Kilo Beweislast
Während Politiker über Plastiksteuern und Recyclingquoten debattieren, liefern Freiwillige den unangenehmen Gegenbeweis: Der Meeresboden rund um Spanien ist eine einzige Deponie. Die Red de Vigilantes Marinos, ein Netzwerk tauchender Ehrenamtlicher, hat bei ihrer zwölften internationalen Großreinigungsaktion binnen kurzer Zeit 8.375,7 Kilogramm Abfall aus dem Wasser gezogen. Das ist kein Einzelfund, das ist ein Systemversagen.
Wer jetzt einwendet, dass es sich ja „nur“ um acht Tonnen handele – angesichts der Millionen Tonnen, die jährlich weltweit in den Ozeanen landen –, verkennt die Dimension. Denn die Bilanz liest sich wie ein Inventar unserer Wegwerfgesellschaft: Autobatterien, Geisternetze, Reifen, Verkehrsschilder, Fahrräder, Aalreusen und tausende Zigarettenstummel. Dazu gesellen sich Kuriositäten wie eine VHS-Kassette, ein Bootssegel und ein Gullideckel. All das wurde nicht etwa in einer Sondermülldeponie entsorgt, sondern in geschützten Buchten, Hafenbecken und vor idyllischen Stränden – dort, wo das Ökosystem am empfindlichsten reagiert.
Baskenland als trauriger Hotspot
Besonders ernüchternd ist der Blick auf die baskische Küste: Rund 690 Kilogramm Unrat holten die Taucher allein dort aus den Fluten. In Lekeitio etwa förderte die Gruppe Lekeitioko Urpeko Taldea fast 200 Kilo aus dem Hafen – inklusive zwei Autobatterien und hunderter Glasflaschen. Wer schon einmal einen Hafen betreten hat, weiß: Dort sinkt nicht nur, was versehentlich über Bord fällt. Dort wird entsorgt.
In Getxo sammelte Marefondum/Divertek im Puerto Viejo rund 60 Kilo Dosen, Plastikbecher und Aluminiumteile. In Bermeo kämpften sich die Taucher von Izaro Sub bei strömendem Regen und hohem Wellengang durch die Suppe und bargen – man höre und staune – Sofa-Schlafcouch-Matratzen, Fender, einen Autobatterie-Rest, einen Feuerlöscher und eine VHF-Antenne. Im Klartext: Menschen werfen ihre gesamte Wohnungseinrichtung ins Meer, wenn sie ihnen nicht mehr gefällt.
Der Zylinder der Schande
Die wohl skurrilste Entdeckung machte das Team Itxas-Dive in Zierbena: eine Hafenverkehrsschild-Basis samt Geschwindigkeitsbegrenzung auf drei Knoten. Man stelle sich die Logik dahinter vor: Jemand hat ein Schild, das für die Sicherheit im Hafen gedacht ist, aus seiner Verankerung gerissen und ins Wasser geworfen. Das ist keine Gedankenlosigkeit mehr – das ist Sabotage an der eigenen Lebensgrundlage.
Und was kam in San Sebastián hoch, wo 38 Taucher in zwei Schichten mehr als 200 Kilo aus dem Wasser holten? Zerfallene Plastikflaschen, Kanister, Glasscherben, verlorene Fischernetze, Reusen, Leinen, Autoreifen und – natürlich – Fahrräder. Der Ozean als Lost & Found für Diebesgut, Sperrmüll und Überbleibsel einer Industrie, die ihre eigenen Hinterlassenschaften ignoriert.
Ein Tropfen auf den heißen Stein?
Kritiker werden nun einwenden: Acht Tonnen sind angesichts der globalen Plastikflut ein symbolischer Tropfen. Doch dieser Einwand verfängt nicht. Denn die Aktion zeigt eines ganz deutlich: Der Müll verschwindet nicht, er sinkt nur. Und er bleibt dort liegen – Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. Die Organisation selbst betont, dass viele der gefundenen Objekte „seit Jahrzehnten im Sediment eingebettet“ waren.
Es ist ein Armutszeugnis, dass es Freiwillige mit Pressluftflaschen sind, die das beseitigen, was Politik und Wirtschaft seit Jahren als „gelöst“ betrachten. Die Red de Vigilantes Marinos hat mit ihrer Aktion bewiesen, dass der Handlungsbedarf nicht in der Theorie, sondern in der Praxis liegt. Wer jetzt nicht handelt, dem fehlt es nicht an Informationen, sondern am Willen.
Wie die Organisation in ihrer Bilanz mitteilt, erzählt jeder geborgene Gegenstand „die Geschichte einer unbedachten Entscheidung an der Oberfläche“. Vielleicht ist das der eigentliche Skandal: Dass es diese Entscheidungen noch immer gibt – jeden Tag, von jedem Ufer aus.
Quelle: Europa Press
Quelle: europapress.es