
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Spaniens veraltete Erdbebenvorschriften
Katastrophe nur eine Frage der Zeit?
Nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela mit Hunderten zerstörten Gebäuden richten sich die Blicke auf Spanien. Fachleute schlagen Alarm: Ein Beben vergleichbarer Stärke (7,2 bis 7,5) würde in Regionen wie Andalusien oder dem Südosten der Halbinsel eine ähnliche Zerstörungskraft entfalten. Der Grund liegt nicht in der Geologie allein, sondern vor allem in veralteten Baustandards. Wie die Zeitung 20minutos berichtet, warnt Amadeo Benavent, Bauingenieur und Professor an der Universidad Politécnica de Madrid (UPM), vor einer „absolut veralteten“ Norm.
Die geltende spanische Erdbebenbauverordnung (NCSE-02) stammt aus dem Jahr 2002 und basiert auf Kenntnissen, die größtenteils aus dem letzten Jahrhundert stammen. „Diese Norm müsste längst durch die Eurocodes ersetzt werden, wie es fast überall in Europa geschehen ist. Doch Spanien sträubt sich“, kritisiert Benavent, der auch den nationalen Spiegelausschuss für die europäischen Baunormen leitet.
Lorca als Menetekel
Wie real die Gefahr ist, zeigt der Erdstoß von Lorca (Murcia) im Jahr 2011. Damals bebte die Erde mit einer Stärke von 5,3 – also rund 900-mal schwächer als die jüngsten Erschütterungen in Venezuela. Trotzdem stürzten damals rund 80 Gebäude ein, die nach der aktuellen Norm errichtet worden waren. „Ein Beben wie in Venezuela setzt etwa 900-mal mehr Energie frei. Die Folgen wären unvorstellbar“, erklärt Benavent. Jesús Contreras, Ingenieur und Sprecher des spanischen Wege-, Kanal- und Hafenbauverbandes, ergänzt: „In Lorca sind moderne Mittelhochhäuser kollabiert. Bei einem starken Seebeben würden auch viele Altbauten und alte Häuser in den südlichen Provinzen nicht standhalten – dort sind die Böden weicher und die historischen Baumaterialien schlechter als im Norden.“
Stille seit 150 Jahren – eine gefährliche Ruhe
Historisch betrachtet sei Spanien kein erdbebenfreies Land. Das letzte große Beben im Jahr 1884 in Granada forderte fast 1000 Todesopfer. Das schwerste bekannte Beben auf der Halbinsel, das Lissabon-Erdbeben von 1775 (Stärke 8,5), zerstörte weite Teile. „Seit über 150 Jahren herrscht nun seismische Ruhe. Das ist länger als der historische Zyklus von etwa 100 bis 120 Jahren. Ein nennenswertes Beben ist überfällig – wir wissen nur nicht genau, wann und wo“, warnt Benavent.
Dennoch weigert sich die spanische Verwaltung, die Eurocodes anzuwenden. Stattdessen werde versucht, Teile davon zu kopieren und abzuändern, was „höchst gefährlich“ sei, so Benavent. Besonders problematisch: Es gibt keine gesetzliche Regelung zur nachträglichen Ertüchtigung alter Gebäude. Die meisten Wohnhäuser und Bürobauten im Land sind daher ungeschützt.
Hinzu kommt, dass die Bebauungsdichte in vulnerablen Zonen wie dem Südosten hoch ist. „Die Verwaltung weiß um das Risiko und duldet dennoch den Bau nach überholten Vorschriften. Das ist inakzeptabel“, kritisiert Contreras. Solange die Politik nicht handle, bleibe Spanien ein seismischer Blindflug – mit potenziell verheerenden Konsequenzen.
Quelle: 20minutos.es