
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Sechs Kinder: Familie in Vitoria zwangsgeräumt
Ein Räumungstitel, der alle Regeln sprengt
Spanien diskutiert über Wohnungspolitik, doch in Vitoria-Gasteiz wurde am Freitag Fakten geschaffen – auf eine Art, die man als zutiefst unmenschlich bezeichnen muss. Eine Familie mit sechs minderjährigen Kindern wurde aus ihrer Wohnung im Stadtteil Sansomendi geholt. Nicht etwa, weil sie zahlungsunfähig wäre oder die Bude verwahrlosen ließ. Nein, der Grund ist ein ausgelaufener Mietvertrag. Schluss, aus, Ende – auf die Straße mit euch.
Die Geschichte ist schnell erzählt, die Verantwortungslosigkeit dahinter wiegt schwer. Diese Familie lebte seit Jahren in dem Haus in der Avenida de Los Huetos. Als der Vertrag endete, begann der Albtraum: Zwölf Monate suchten die Eltern nach einer Alternative – vergeblich. Wer jetzt denkt, das sei Pech, der verkennt die Realität des spanischen Wohnungsmarktes. Der Sindicato Socialista de Vivienda, der die Familie unterstützt, spricht offen aus, worum es hier wirklich geht: „Rassismus inmobiliario“. Eine migrantische Großfamilie hat auf dem freien Markt schlicht keine Chance. Das ist kein Einzelfall, das ist System.
Ein Justizapparat ohne Menschlichkeit
Man stelle sich die Szene einmal bildlich vor: Hunderte Menschen versammeln sich am Donnerstagabend vor dem Gebäude, um die Räumung zu verhindern. Sie campieren die Nacht über, solidarisch, friedlich. Dann rücken am Freitagmorgen gegen 9:30 Uhr die schweren Geschütze an: Ein Großaufgebot der Ertzaintza, der baskischen Polizei, geht gegen die Demonstranten vor. Schlagstöcke, Räumung, Festnahmen. Zwei bestätigt die Polizei, vier behauptet das Bündnis – in einer solchen Situation zählt am Ende ohnehin nicht die Zahl, sondern das Bild des Staates, der Familien mit Kindern räumen lässt und dabei Demonstranten niederknüppelt.
Die Familie selbst muss unter dem Applaus der Menge das Haus verlassen. Applaus! Nicht für die Räumung, sondern für den Mut dieser Leute. Während drinnen die Justiz ihre Exekution durchzieht, applaudieren draußen die Nachbarn den Opfern. Wie verkehrt muss eine Rechtsordnung sein, wenn die Menschen auf der Straße applaudieren, während der Staat seine Macht demonstriert?
Der Skandal heißt: Wohnraum als Spekulationsobjekt
Nun hört man schon die Rufe derjenigen, die reflexartig auf „Recht und Ordnung“ verweisen. Ein Vertrag ist ein Vertrag, der Vermieter habe ein Anrecht auf seine Wohnung. Aber genau diese verengte Sichtweise offenbart die ganze Perversität des spanischen Wohnungsmodells. Hier wird Viert für Viertel gezeigt, dass das Grundrecht auf Wohnen nur ein Papiertiger ist, sobald Renditeinteressen im Spiel sind. Die Organisatoren der Proteste bringen es auf den Punkt: „Das System verwandelt Wohnen in ein Spekulationsobjekt und verweigert der Arbeiterklasse systematisch ihr Recht auf ein Dach über dem Kopf.“
Diese Räumung ist kein Betriebsunfall, sondern die logische Konsequenz einer Politik, die Mieten explodieren lässt, während die Löhne stagnieren. Und es ist ein Armutszeugnis, dass es zivilgesellschaftlichen Gruppen wie der Sindicato Socialista de Vivienda überlassen bleibt, den Kampf für ein menschenwürdiges Leben zu führen – nicht der Politik.
Die Rechnung geht an die Gesellschaft
Was bleibt, sind die Bilder von der Plaza de la Virgen Blanca, wo am Abend erneut protestiert wurde. Und die bittere Erkenntnis: Diese Familie mit sechs Kindern gehört zu den Verlierern eines Systems, das nur eines kennt: Marktlogik. Man kann die Augen verschließen und auf die Eigentumsrechte des Vermieters zeigen. Oder man erkennt den eigentlichen Skandal: Dass in einem der wirtschaftlich stärksten Länder Europas eine Großfamilie obdachlos gemacht wird, nur weil ihr Vertrag ausgelaufen ist. Die Frage, die bleibt, richtet sich an alle Verantwortlichen: Wie viele Räumungen noch, bevor der Staat endlich handelt, statt zu exekutieren?
Die Situation vor Ort wurde von den betroffenen Aktivisten gegenüber Europa Press geschildert, die Polizei bestätigte den Einsatz.
Quelle: europapress.es