
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Protestzelte verschwinden, Kampfeswille bleibt
Ein Abzug, der keiner ist
Sie haben die Plätze geräumt, aber nicht das Feld. In Málaga und Granada ist die Ära der Protestcamps vorerst beendet – doch wer glaubt, die Bewegung zur Sicherung bezahlbaren Wohnraums sei damit erledigt, dürfte sich gewaltig täuschen. Der Rückzug am Sonntag ist ein strategischer Schachzug, kein Signal der Kapitulation. Das nächste Ziel ist ambitioniert: ein Generalstreik, der Spanien erfassen soll.
Was wie ein Rückzug aussah, war in Wahrheit die Verlagerung von einer symbolischen in eine operative Phase. „Wir gehen mit der Gewissheit, starke kollektive Bindungen geknüpft zu haben, um auf den Generalstreik hinzuarbeiten“, erklärte Rosa Galindo vom Bündnis ‚Un techo por derecho‘ gegenüber Europa Press. Die Botschaft ist eindeutig: Die Zelte sind abgebaut, aber der Kampf geht in eine neue Runde – eine Runde, die in den Stadtteilen, Arbeitsplätzen und Hörsälen stattfinden soll.
Vom Symbol zur Organisation
In Málaga klang der Abschied von der Plaza de la Constitución nach einem Volksfest. Rund 200 Teilnehmer versammelten sich zu einer Paella, musikalische Unterstützung kam von María de Chambao und María Ruiz. Doch hinter der freundlichen Fassade verbirgt sich eiserne Entschlossenheit. Bereits am Montagabend wollen Aktivisten in einer Vollversammlung an gleicher Stelle die Strukturen für den geplanten Ausstand aufbauen. Aus der Protestwiese soll ein Kommandostand werden.
Die Camp-Bewegung in Granada formuliert den Kurswechsel mit bemerkenswerter Klarheit: „Wir verstehen das Camp nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, um das Niveau des Kampfes zu heben und Kräfte zu sammeln.“ Die Organisatoren verweisen darauf, dass die Aktion ihre „taktischen Grenzen erreicht“ habe. Wer erwartet hatte, dass mit dem Abbau der Zelte auch der Druck auf die Politik nachlässt, wird eines Besseren belehrt. Im Gegenteil: Die Bewegung expandiert.
Systemkritik als Fundament
Die Wortwahl der Aktivisten zeigt, dass hier nicht um kosmetische Korrekturen am Wohnungsmarkt gefeilscht wird. Zu deutlich ist die Analyse: Sie sprechen von „Jahrzehnten der Gewalt gegen die Arbeiterklasse“ und einer „unhaltbaren Wohnungskrise“. Die Camp-Teilnehmer sehen sich als Speerspitze einer Bewegung, die nicht nur gegen überhöhte Mieten kämpft, sondern gegen die strukturellen Ursachen der Misere.
Besonders bemerkenswert ist die Selbstverortung der Bewegung. „Wenn die Wohnungskrise heute im Zentrum der Debatte steht, dann nicht, weil die Institutionen beschlossen haben, sich ihr zu widmen, sondern weil wir jahrelang organisiert haben, Räumungen gestoppt und die Profiteure dieser Situation benannt haben“, heißt es in dem Kommuniqué aus Granada. Das ist ein Satz von politischer Sprengkraft – denn er macht deutlich, dass sich die Protestbewegung nicht als Bittsteller, sondern als Gestalter versteht.
Der nächste Schritt: Eskalation
Die Ankündigung eines Generalstreiks am 11. November ist mehr als nur eine symbolische Provokation. Sie ist der Versuch, die Wohnungsfrage von der Straße in den Arbeitskampf zu tragen. Die Bewegung ist sich sicher: Die Betroffenen, jene Menschen also, die von Räumung bedroht sind oder unter der Last ihrer Mieten ächzen, finden sich nicht auf den Plätzen, sondern in den Arbeitervierteln. Dorthin müsse die Organisation nun expandieren.
Kritiker werden einwenden, dass ein Generalstreik für Wohnungsfragen die falsche Waffe sei. Doch die Bewegung hat dafür nur Spott übrig. Es gehe nicht darum, die Symptome zu verwalten, sondern die Ursachen zu bekämpfen. Das ist eine Kampfansage an alle, die die Wohnungskrise als reines Marktproblem abtun wollen.
Die Zelte sind abgebaut, aber die Schlachtordnung steht. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob aus der Euphorie der Camps tatsächlich eine schlagkräftige Organisation entsteht. Eines ist jedoch jetzt schon sicher: Die Wohnungsfrage bleibt ein Pulverfass, und die Bewegung hat keine Angst davor, die Zündschnur anzuzünden.
Wie Europa Press berichtet, haben die Organisatoren einen Plan für die Zeit nach den Camps vorgelegt. Die asambleas werden fortgeführt, die Strukturen für den Streik stehen bereits in den Startlöchern. Der Kampf um bezahlbares Wohnen geht in die nächste Runde. Und dieses Mal zielen die Proteste nicht auf Platzbesetzungen, sondern auf den Stillstand des gesamten Landes.
Quelle: europapress.es