
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Opferverbände: „Wir stehen noch am Anfang“
Kaum Fortschritte bei Aufarbeitung
Knapp zwei Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe vom 29. Oktober 2024 ziehen die wichtigsten Opfervertretungen der Region Valencia eine ernüchternde Bilanz. In Gesprächen mit mehreren Nachrichtenagenturen, unter anderem Europa Press, erklärten die Vorsitzenden der drei größten Betroffenenverbände, dass sie sich nach wie vor „ein Stück weit an der Startlinie“ fühlen. Es fehle weiterhin an Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung – und an der Übernahme politischer Verantwortung.
Die Präsidentin der Vereinigung der Todesopfer der DANA, Rosa Álvarez, die bei der Katastrophe ihren Vater verlor, beschreibt die emotionale Lage der Hinterbliebenen: „Man merkt, dass die Abwesenheit mit der Zeit noch greifbarer wird.“ Illusionen, die anfangs halfen, seien verflogen, die Realität hole einen nun endgültig ein. Ähnlich äußert sich Mariló Gradolí von der Associació de Víctimes de la DANA 29 d’Octubre: Ohne Wahrheit und Wiedergutmachung sei eine vollständige Heilung unmöglich.
Sorge um politische Entwicklungen
Die Verbände blicken mit Sorge auf die kommenden Wahlperioden. Sie befürchten, dass der frühere Regionalpräsident Carlos Mazón erneut auf einem Listenplatz für die nächsten Regionalwahlen steht oder als designierter Senatsvertreter der Valencianischen Gemeinschaft einen „betrügerischen Schutzstatus“ erhalten könnte. Die Organisationen sehen darin ein fatales Signal an alle Betroffenen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ihrer Kritik: Die jüngsten Unwetterlagen in der Region hätten gezeigt, dass offenbar weniger aus den Fehlern gelernt wurde, als vielmehr die Koordination besser funktioniere – weil, so ihre ironische Bemerkung, niemand einen weiteren „Mazón“ machen wolle.
Forderungen für die Zukunft
Mit Blick auf den Wiederaufbau betonen die Vertreterinnen, dass es nicht darum gehe, einfach zu ersetzen, was vorher existierte. Stattdessen müsse grundlegend überdacht werden, wo und wie in Risikogebieten gebaut werde. Sie fordern ein multidisziplinäres Expertenteam, in dem Geografen eine zentrale Rolle spielen. Entscheidungen über das Auslösen von Handy-Alarmen wie ES-Alert dürften nicht in der Hand von Politikern liegen, sondern müssten einem Gremium aus Fachleuten übertragen werden.
Elisabeth González, Vizepräsidentin der Vereinigung der Geschädigten von L’Horta Sud, beschreibt die Stimmung in der Bevölkerung als allgemeine Angst: „Immer wenn das Wetter umschlägt, kehren die Panik, der Unmut und die Schlaflosigkeit zurück.“ Man fühle sich schlechter als im ersten Jahr – auch, weil die Justiz langsam arbeite und es bis heute keine leistungsfähigen Hochwasserschutzsysteme gebe.
Mangelnde Unterstützung durch die Region
Kritik üben die Verbände vor allem an der Regionalregierung. Das Konsell habe die Betroffenen nicht unterstützt, sondern beleidigt und versucht, die Legitimität der Organisationen infrage zu stellen. Ein Versprechen psychologischer Hilfe sei kaum umgesetzt worden. Letztlich hätten die Verbände selbst bei der Zentralregierung in Madrid um Unterstützung bitten müssen – daraus seien schließlich die mobilen Notfall-Psychosozialteams entstanden.
Álvarez erinnert daran, dass viele Familien damals keinen Zugang zu den Verstorbenen erhielten und es keine Feldlazarette gab. Viele Überlebende hätten zudem ein Trauma durch das Miterleben des Sterbens anderer. Man habe lernen müssen, mit dem Überlebensschuldgefühl zu leben, so González.
Kein Vertrauen in den „Lernprozess“
Die aktuellen Alarmierungen bei den letzten Starkregenereignissen bewerten die Verbände kritisch. Dass jetzt schneller reagiert werde, sei kein Beweis für Lernfortschritte, sondern zeige nur, dass die damalige Untätigkeit eine vermeidbare Katastrophe mit 233 Toten verursacht habe. Das ständige Mantra vom „Lernen“ lehnen sie ab – solange niemand Verantwortung übernehme, sei es wertlos. Die Verbände fordern eine lückenlose Aufklärung der Entscheidungsabläufe vom 29. Oktober 2024 und ein klares Bekenntnis zu strukturellen Veränderungen.
Quelle: europapress.es