
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Nächtliche Rebellion gegen das Vergessen
These: Geschichte ist kein Museum – sie wird gelebt oder sie stirbt
Wer glaubt, die Vergangenheit sei nur etwas für staubige Vitrinen und akademische Fußnoten, der hat noch nie von der „Noche Nazarí“ in Cútar gehört. Dieses Dorf in der Axarquía beweist, dass kulturelles Erbe dann wertvoll ist, wenn man es nicht nur konserviert, sondern in den Alltag zurückholt – und zwar mit allen Sinnen. Die dritte Auflage der Veranstaltung, die am 11. Juli stattfindet, ist mehr als ein folkloristischer Abend. Sie ist eine Kampfansage an jene, die Geschichte auf Effekthascherei reduzieren.
Dabei geht es nicht um billige Nostalgie. Wie der Präsident des Gemeindeverbands der Costa del Sol Axarquía, Jorge Martín, bei der Vorstellung betonte, sei es „eine Verpflichtung und ein Stolz“, die eigenen Wurzeln zu verteidigen. Dieser Satz ist keine leere Phrase – er ist das Fundament eines Konzepts, das in Zeiten von austauschbaren Themenparks und Instagram-Inszenierungen fast schon subversiv wirkt.
Beleg: Ein Koran aus dem 12. Jahrhundert als lebendiges Symbol
Das Herzstück des Abends ist eine Geschichte, die filmreif ist: Muhammad al-Yayyar, der letzte Imam des Ortes, versteckte im Jahr 1500 drei arabische Handschriften hinter einer Hausmauer – darunter einen almohadischen Koran aus dem 12. Jahrhundert, einen der ältesten der Welt. Gefunden wurden die Manuskripte erst 2003. Heute sind sie das identitätsstiftende Wahrzeichen von Cútar. Die Veranstaltung macht diesen Schatz nicht nur sichtbar, sondern begehbar: Die theatralische Route „Cálamo y cal“ führt durch genau jene Winkel, in denen die Geschichte verborgen lag.
Dass die Nachfrage so groß ist, dass die Organisatoren zwei Durchgänge anbieten müssen, zeigt, wie sehr Menschen nach authentischen Erlebnissen hungern – weit weg von der Kommerz-Folklore, die andernorts oft als „andalusische Nacht“ verkauft wird. Cútar hingegen setzt auf Details: einen Tabulé-Workshop, einen Showkochen mit Saloua Mazouz Sellourmi vom Restaurant Dar al-Yayyar, einen sephardischen Musikkonzert der Gruppe Mardanis. Alles keine Beliebigkeit, sondern sorgfältig komponierte Mosaiksteine, die das Bild einer untergegangenen Welt wieder zusammensetzen.
Rhetorische Zuspitzung: Wem gehört die Vergangenheit?
Kritiker mögen einwenden, dass solche Events nur eine inszenierte Nostalgie seien – ein „Edutainment“ für Touristen, das die harsche Realität der Vertreibung und Zwangskonvertierung übertünche. Doch dieser Einwand verkennt, dass es genau die Bewahrung der Geschichten und Bräuche ist, die den damaligen Opfern ihre Würde zurückgibt. Wenn der Bürgermeister Francisco Javier Ruiz sagt, man solle die Geschichte „nicht nur lesen, sondern atmen“, dann steckt darin mehr als nur PR. Es ist die Einsicht, dass ein Volk, das seine Erzählungen nicht weiterträgt, sich selbst aufgibt.
Cútar riskiert damit nichts Geringeres als eine Wiederaneignung des eigenen Erbes – gegen die Gleichschaltung der Globalisierung und gegen die Reduktion auf Strandtourismus. Die „Noche Nazarí“ ist ein Statement: Wir sind nicht nur Sonne und Sangría. Wir sind die Nachfahren von Gelehrten, Handwerkern und Musikern, die einst das Rückgrat Al-Andalus’ bildeten.
Fazit: Mehr als eine Nacht
Die Zahlen sprechen für sich: Die Fiesta del Monfí, die ebenfalls in Cútar stattfindet, ist bereits zur „Touristischen Provinzinteresse“ erklärt worden. Die „Noche Nazarí“ reiht sich nahtlos ein. Doch entscheidend ist nicht der offizielle Status, sondern der Geist, der diese Nacht trägt. Wer in Cútar zwischen Mauern und Gassen wandelt, spürt, dass hier keine Kulisse für Selfies aufgebaut wird, sondern ein Stück Leben wieder aufersteht.
Dass der Gemeindeverband sogar Busse aus Málaga, Vélez-Málaga, Nerja und Granada organisiert, zeigt, wie ernst man den Anspruch nimmt, diese Erfahrung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist gelebte Kulturpolitik – und ein Modell, das Schule machen sollte.
Quelle: Axarquía Plus, Berichterstattung zur Präsentation der „Noche Nazarí“ 2025.
Quelle: axarquiaplus.es