Nerjas Höhle: Sechs Jahrzehnte zwischen Steinzeit und Festivalbühne

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Nerja

Nerjas Höhle: Sechs Jahrzehnte zwischen Steinzeit und Festivalbühne

von Sabine Keller

Vom Zufallsfund zur nationalen Bühne

Ein simpler Tauchgang am 12. Januar 1959 veränderte die Geschichte einer ganzen Region. Was fünf junge Männer in der Nähe von Nerja entdeckten, war keine bloße Grotte, sondern eine der größten und bedeutendsten Naturhöhlen Andalusiens. Nur anderthalb Jahre später, am 12. Juni 1960, öffnete die Cueva de Nerja offiziell ihre Pforten für das Publikum – ein Tempo, das heute undenkbar wäre und den damals enormen politischen und wirtschaftlichen Ehrgeiz hinter dem Projekt offenbart. Hier sollte kein Museum entstehen, sondern eine spektakuläre Attraktion.

Doch die damaligen Planer dachten weiter. Nicht nur Besucherströme sollten fließen, auch Kultur sollte in die Tiefe geholt werden. Fast zeitgleich mit der Eröffnung wurde das Festival Cueva de Nerja aus der Taufe gehoben. Mit einem französischen Ballett, der Tour de Paris, begann eine bis heute andauernde Tradition, die laut Berichten des Portals Axarquía Plus zu den drei ältesten durchgehend stattfindenden Festivals Spaniens zählt. In einer Zeit, als das Franco-Regime unter Minister Manuel Fraga Iribarne das Image des Landes polieren wollte, wurde die Höhle in das Programm der „Festivales de España“ integriert. Von 35 damals geförderten Städten haben nur Nerja, Santander und Granada diese Kulturlinie bis in die Gegenwart gezogen.

Die Kontinuität der Kalksteinkathedrale

Was macht diesen Ort so besonders widerstandsfähig gegen den Zeitgeist? Es ist die unwiederholbare Symbiose aus Urgeschichte und Hochkultur. Die Besucher betreten heute, wie damals, einen fast sakralen Raum von schwindelerregenden Ausmaßen, der seit Jahrtausenden unverändert geblieben ist. Die Schutzmaßnahmen der letzten Jahrzehnte haben die Stalaktiten und Stalagmiten weitgehend vor dem Verfall bewahrt. In dieser steinernen Kathedrale wirkt jede Aufführung wie ein Ritual – ob klassisches Ballett, Flamenco oder Weltmusik. Das ist das einzigartige Versprechen dieses Festivals: Kunst nicht in sterilen Konzerthallen, sondern im Schoß der Naturgeschichte zu erleben.

Dieses Versprechen zieht. Während unzählige andere Sommerfestivals im Wettbewerb um Headliner und Trends untergegangen sind, hat sich das Festival in Nerja zu einer festen Größe im andalusischen Kulturkalender entwickelt. Es überlebte die Abhängigkeit von staatlicher Förderung und den Wandel des Publikumsgeschmacks. Die nun für diesen Sommer angekündigte 64. Edition, deren Programm laut Javier Salas, Präsident der Stiftung Cueva de Nerja, bald veröffentlicht wird, setzt diese erstaunliche Kontinuität fort.

Ein Erbe, das mehr ist als Tourismus

Sechsundsechzig Jahre nach der Eröffnung steht die Cueva de Nerja vor einer doppelten Herausforderung: Sie ist ein hochsensibles Ökosystem und ein Massenphänomen. Jeder weitere Festival-Sommer bedeutet Stress für das Mikroklima der Höhle. Doch die Verantwortlichen scheinen den Balanceakt bislang zu meistern. Die Höhle bleibt, laut Angaben der Fundación Cueva de Nerja, eines der meistbesuchten Naturmonumente Andalusiens und ein zentrales Identifikationssymbol für die Provinz Málaga.

Die eigentliche Leistung liegt jedoch jenseits der Besucherzahlen. Die Cueva de Nerja und ihr Festival sind ein lebendiges Beispiel dafür, wie ein lokaler Zufallsfund durch kluge kulturelle Aufladung zu einem nationalen Erbe werden kann. Hier vermischen sich die Spuren unserer steinzeitlichen Vorfahren mit den Klängen internationaler Künstler. Das ist kein Widerspruch, sondern die eigentliche Magie dieses Ortes. Während andernorts Geschichte museal eingefroren wird, wird sie in Nerja jeden Sommer aufs Neue interpretiert – zwischen Tropfstein und Bühnenlicht.

Quellen: Fundación Cueva de Nerja; Axarquía Plus; historische Aufzeichnungen zu den Festivales de España.


Quelle: axarquiaplus.es