Mit dem Fallschirm gegen das Schweigen

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Marbella

Mit dem Fallschirm gegen das Schweigen

von Redaktion3 Min. Lesezeit

Ein Sprung, der Schule machen soll

Wer Aufmerksamkeit will, muss radikal sein. Das denkt sich offenbar auch Francisco Campo. Der 65-jährige Unternehmer aus Marbella, einst Profitennisspieler, heute Coach und Motivationstrainer, plant ein Manöver, das an Selbstüberschätzung grenzt: einen Solo-Fallschirmsprung aus 7.600 Metern Höhe am Mount Everest. Bei Temperaturen um minus 40 Grad, mit Sauerstoffmaske und einem Fallschirm, der für diese Extremsituationen erst selektiert werden musste. Wenn Campo das durchzieht, wäre er der erste Spanier und zugleich die älteste Person, die diesen Sprung wagt – ein Halo-Sprung, wie ihn das Militär nutzt, um unentdeckt zu bleiben.

Doch es geht ihm nicht um den Rekord. Es geht um zwei Worte: Zero Bullying. So heißt das Programm, das seine The Planet Future Foundation gemeinsam mit dem American College in Spain in Marbella und der spanischen Vereinigung zur Prävention von Schulmobbing (AEPAE) aufgelegt hat. Die Botschaft: Wer den eigenen Absturz in der Luft kontrolliert, der kann auch im Klassenzimmer standhaft bleiben. Oder zumindest lernen, wie man sich wehrt. Campo will mit seiner Aktion nicht nur Schlagzeilen produzieren, sondern eine Debatte anstoßen, die in Spanien seit Jahren nur stoßweise geführt wird: Wie gehen wir mit Mobbing an Schulen um?

Mehr als ein Adrenalin-Kick

Man mag einwenden, dass ein Sprung aus 7.600 Metern wenig mit den Ängsten eines Jugendlichen zu tun hat, der täglich auf dem Schulhof gedemütigt wird. Doch genau dieser Einwand ist der Kern von Campos Strategie. Er geht nicht in Klassenzimmer, um aus Lehrbüchern vorzulesen. Er zeigt Bilder vom schmelzenden Eis Grönlands, von sterbenden Korallenriffen – und jetzt eben den Everest. Seine These: Wer extreme körperliche und mentale Herausforderungen meistert, entwickelt eine Haltung, die sich auf den Alltag übertragen lässt. Der Umgang mit der Angst vor dem Abgrund trainiert den Umgang mit der Angst vor dem Mobber.

Diese Logik ist angreifbar, sicherlich. Wer nie gemobbt wurde, mag sie naiv finden. Doch die Bilanz der vergangenen Jahre zeigt: Klassische Präventionsprogramme haben ihre Grenzen. Laut einer Studie der Fundación Mutua Madrileña und der ANAR-Stiftung hat fast jeder vierte Schüler in Spanien bereits Mobbing erlebt. Zahlen, die erschrecken, aber oft folgenlos verpuffen. Da ist ein Mann, der mit 550 Sprüngen Erfahrung hat und für sein Anliegen das eigene Leben riskiert, wenigstens ein lautes, unübersehbares Symbol. Und er findet prominente Unterstützung: Starkoch Ferrán Adriá, Comedian Carlos Latre, Tennislegenden wie Juan Carlos Ferrero und Alex Corretja – sie alle haben Videobotschaften eingesprochen.

Expedition als pädagogisches Werkzeug

Die Reise beginnt am 5. November in Katmandu. Über den gefürchteten Flughafen Lukla geht es per Trekking nach Syangboche auf rund 4.000 Meter, wo sich das Basislager für die Sprünge befindet. Die Aktion selbst dauert bis zum 15. November. Die Dokumentation dieser Tage wird später in Schulen und Universitäten in ganz Spanien gezeigt. Campo will damit nicht unterhalten, sondern aufklären: Was ist Mobbing? Wie erkenne ich es? Was tue ich, wenn ich betroffen bin – oder wenn ich Zeuge werde?

Das Programm besteht nicht nur aus Vorträgen. Es beinhaltet Schulungen für Lehrkräfte, eine jährliche Gala in Marbella und einen Kongress, der sich mit dem Zusammenhang von Mobbing und psychischer Gesundheit beschäftigt. Das ist die stille, unaufgeregte Arbeit hinter der spektakulären Fassade. Und genau die braucht es. Denn so sehr der Sprung die Aufmerksamkeit auf sich zieht – der eigentliche Kampf gegen das Schweigen wird im Alltag ausgetragen. In den Pausen, in den Klassenzimmern, in den Köpfen derer, die sich nicht wehren können. Campo kann ihnen nicht den Fallschirm öffnen. Aber er kann ihnen zeigen, wie man den Mut findet, es selbst zu tun.

Wie das Nachrichtenportal Diario Sur berichtet, ist der Sprung als nicht-offizieller Rekordversuch angelegt. Entscheidend ist ohnehin nicht das Zertifikat. Entscheidend ist der Moment, in dem ein Jugendlicher begreift: Wenn ein 65-Jähriger bei minus 40 Grad aus einem Helikopter springt, um mir zu helfen, dann bin ich es wert, verteidigt zu werden.


Quelle: diariosur.es

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