
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Mallorcas Untergrund birgt Geheimnisse der Bronzezeit
Ein Fenster in die Vergangenheit öffnet sich
Während die meisten von uns im Oktober den Sommer nachklingen lassen, graben sich Archäologen in Mallorcas Erde – und fördern dabei womöglich die Antworten auf Fragen zutage, die die Forschung seit Jahrzehnten beschäftigen. Es geht um nichts weniger als die Geburtsstunde der Metallverarbeitung auf der Insel und die rätselhaften Totenrituale einer Epoche, die 1.000 Jahre vor Christus endete. Wer jetzt noch glaubt, die Balearen hätten in der Vorgeschichte nur aus Fischerdörfern und Schafweiden bestanden, der wird von der Wissenschaft eines Besseren belehrt.
Ein Freiluftlabor von europäischem Rang
Das Team um den Forscher Pau Sureda, angesiedelt am renommierten Institut für Kulturerbe-Wissenschaften (Incipit-CSIC), hat sich in diesem Monat gleich zwei Schauplätze vorgenommen. Der erste: Es Velar in Santanyí, im Südosten der Insel. Schon in der Kampagne 2025 stießen die Wissenschaftler dort auf erstaunlich gut erhaltene Siedlungsschichten aus dem späten dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Die Fundstelle, so die Einschätzung der Experten, könnte zu den am besten konservierten Freiluftarealen dieser Epoche im gesamten Mittelmeerraum zählen – ein Prädikat, das man nicht leichtfertig vergibt.
Die aktuelle Grabung, die seit dem 12. Oktober läuft, zielt auf Relikte der Metallurgie. Bereits in den 1980er Jahren hatten Oberflächenfunde in Es Velar auf eine frühe Verhüttungstätigkeit hingedeutet. Nun will man die Beweise aus der Tiefe holen. Die ersten Ergebnisse sollen im November bei den Jornades Locals von Santanyí präsentiert werden – ein Termin, den Fachwelt und interessierte Öffentlichkeit gleichermaßen im Kalender notieren sollten.
Ein Friedhof, der Geschichten erzählt
Ab dem 19. Oktober verlagert sich das Geschehen dann in die Nekropole von Son Sunyer bei es Pil·larí. Neun in den Fels getriebene Hypogäen – künstliche Höhlen, die als Grabstätten dienten – harren hier seit rund 3.500 Jahren der Entschlüsselung. Das Herzstück der neuen Kampagne: der 2024 entdeckte und seither untersuchte Grabbau SSU9. In seiner zentralen Kammer und zwei angrenzenden Nischen hoffen Sureda und sein Kollege Jordi Hernández vom katalanischen Institut für Klassische Archäologie (ICAC) auf ungestörte Bestattungsschichten.
Sollten sich diese Schichten als intakt erweisen, stünde die Forschung vor einer Premiere: Erstmals könnte ein mallorquinisches Hypogäum mit modernsten wissenschaftlichen Methoden vollständig dokumentiert werden. Die Erkenntnisse über Bauweise, Bestattungssitten und die damalige Bevölkerung wären bahnbrechend. Zusätzlich sollen Bodenradar-Untersuchungen in anderen Bereichen der Nekropole klären, ob dort weitere, bislang unentdeckte Grabanlagen im Verborgenen schlummern.
Ein Blick auf die Schmiede der Geschichte
Die Kampagnen sind Teil zweier ehrgeiziger Projekte: Premetoc, finanziert von der Regionalregierung Galiciens, und MetMa, unterstützt vom Inselrat von Mallorca. Beide widmen sich der Frage, wie die Produktion und Nutzung von Metallen die prähistorischen Gesellschaften des westlichen Mittelmeerraums veränderten. Die Antworten könnten auch den Wandel Mallorcas an der Schwelle zur Eisenzeit erklären – eine Phase tiefgreifender Umwälzungen, die ohne die Kenntnis der Metallurgie kaum zu verstehen ist.
Erste Puzzleteile lieferte bereits die Erkundung der Serra de Tramuntana im vergangenen Jahr. Dort datierten die Forscher Schlackenablagerungen – Abfallprodukte der Metallgewinnung – erstmals auf das Ende des zweiten Jahrtausends vor Christus. Rund 3.000 Jahre alte Zeugnisse einer Industrie, die man auf Mallorca bislang nicht vermutet hätte. Die neuen Grabungen könnten nun das Bild vervollständigen und beweisen, dass die Insel weit früher ein Knotenpunkt technologischer Innovation war, als bisher angenommen. Die Wissenschaft steht am Anfang einer Reise, deren Ziel nichts weniger ist als die Neubewertung der prähistorischen Hochkultur der Balearen. Wie das CSIC mitteilt, werden die Arbeiten von der Kulturvereinigung Lausa unterstützt – ein Zeichen dafür, dass dieses Kapitel Geschichte nicht nur in Laboratorien, sondern auch in der Zivilgesellschaft verankert ist.
Quelle: europapress.es