
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Madrids blinder Fleck: 330.000 Menschen
Wenn Statistik zur Farce wird
Die Region Madrid ist die reichste Spaniens – und gleichzeitig die ungleichste. Diesen Widerspruch prangert die Gewerkschaft UGT mit ihrem neuen Bericht "Semáforo de los derechos sociales" an. Doch es geht nicht nur um Kritik an Zuständen, sondern vor allem um den Vorwurf der systematischen Blindheit: Die offiziellen Armutszahlen, so die UGT, zeichnen ein geschöntes Bild, weil sie die grassierenden Lebenshaltungskosten in der Hauptstadt schlicht ignorieren.
Die Zahlen, die die Gewerkschaft vorlegte, haben Sprengkraft. Während die offizielle Statistik auf dem nationalen Schwellenwert von 1.018 Euro netto pro Monat basiert, fordert die UGT eine Anpassung an die Madrider Realität: 1.190 Euro für die Region, 1.267 Euro für die Hauptstadt. Die Konsequenz wäre ein Armuts-Tsunamie in der Statistik: Statt der bisher ausgewiesenen Zahlen würden stolze 1,25 Millionen Menschen in der Gemeinschaft Madrid als arm gelten – knapp 17 Prozent der Bevölkerung. Das ist beileibe kein akademischer Disput. "Wenn du die Realität nicht kennst, kannst du nicht in sie eingreifen", bringt es die Gewerkschaft auf den Punkt. Die aktuellen Zahlen, so die Kernaussage, ließen mehr als 330.000 Menschen schlicht "außerhalb des Fokus" der Verwaltungen verschwinden. Diese Menschen fallen durch das Raster, erhalten keine Hilfe, obwohl sie sie dringend bräuchten.
Arm trotz Arbeit: Die Schieflage in Zahlen
Besonders perfide ist die Verteilung dieser "versteckten Armut". Der Bericht zeigt: Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, abgehängt zu werden. 171.388 der betroffenen 330.000 Personen sind älter als 45 Jahre. Und auch die Geschlechterfrage ist eindeutig: Mit 183.798 betroffenen Frauen sind sie die klare Mehrheit der unsichtbaren Armen. Selbst bei einer Verschärfung des Maßstabs hin zur sogenannten "schweren Armut" (weniger als 40 Prozent des Medianeinkommens) kämen nach UGT-Berechnung noch 180.039 Menschen hinzu.
Dabei ist die materielle Not längst im Alltag der Bevölkerung angekommen. 8,4 Prozent der Madrilenen – das sind über 604.000 Menschen – können sich laut UGT nicht einmal mehr das "absolut Notwendigste" leisten. Ein Drittel der Bevölkerung wäre nicht in der Lage, eine unerwartete Rechnung zu bezahlen, und fast 40 Prozent geben an, nur mit Mühe über die Runden zu kommen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist denn auch nirgendwo in Spanien so tief wie hier. Der Bericht illustriert das mit einem Blick auf die Landkarte: In Pozuelo de Alarcón, Spaniens reichster Gemeinde, liegt das Durchschnittseinkommen bei über 30.000 Euro. Nur einen Steinwurf entfernt, in Fuenlabrada, sind es rund 14.000. Während in Parla fast jeder vierte Einwohner unter der Armutsgrenze lebt, sind es in Tres Cantos lediglich 6,4 Prozent. Eine Zweiklassengesellschaft auf engstem Raum.
Ein Staat, der wegschaut?
Der Vorwurf der UGT an die Regionalregierung unter Isabel Díaz Ayuso wiegt schwer: Es fehle nicht am Geld, sondern am Willen. Die Zahlen zum Sozialstaat lesen sich wie ein Armutszeugnis der öffentlichen Daseinsvorsorge. Zwar erhalten 227.840 Menschen in Madrid das staatliche Mindesteinkommen (IMV). Doch selbst wenn alle diese Menschen in schwerer Armut lebten, blieben nach Berechnung der Gewerkschaft mindestens 341.083 Bedürftige außen vor. Die Region hat es zudem versäumt, das IMV durch eine eigene, großzügigere Rente zu ergänzen – wie es etwa das Baskenland oder Navarra erfolgreich tun. Stattdessen verkümmert die regionale Renta Mínima de Inserción zur Hilfe der letzten Zuflucht: Im gesamten letzten Jahr kam sie gerade einmal 123 Familien zugute. Eine Zahl, die für sich spricht.
Der "Semáforo de los derechos sociales" ist ein Weckruf. Von 25 Indikatoren zur sozialen Lage stehen 13 auf Rot, also "nicht erfüllt". Darunter zentrale Versprechen wie die Bekämpfung von materieller Not, die Reduzierung von Ungleichheit oder bezahlbarer Wohnraum. In puncto Gesundheitsausgaben pro Kopf (1.779 Euro) landet Madrid im Ranking der Autonomen Gemeinschaften auf dem vorletzten Platz (16. von 17). Die Wartezeit auf einen Platz in der Pflege beträgt mit 335 Tagen im Schnitt fast ein Jahr – auch hier gehört Madrid zu den Schlusslichtern.
Mehr als ein Appell: Die Forderungen der Gewerkschaft
Die UGT begnügt sich nicht mit der Diagnose. Sie liefert einen Forderungskatalog, der sich wie ein Gegenentwurf zur aktuellen Politik der Region liest: verpflichtende, jährlich aktualisierte Armutsstatistiken, die das reale Preisniveau widerspiegeln; Löhne, die durch Tarifverhandlungen tatsächlich zum Leben in Madrid reichen; ein massiver Ausbau des öffentlichen Wohnungsbaus und die Ausrufung von angespannten Wohnungsmärkten; Investitionen in Gesundheit und Bildung "entsprechend dem Reichtum" der Region – mindestens 6 Prozent des BIP für die Gesundheit; eine Offensive für die Pflege, damit die 12.612 wartenden Menschen sofort Hilfe bekommen; die Rückführung von 61,5 Millionen Euro in die öffentlichen Seniorenheime; und schließlich eine progressive Steuerpolitik, die die Reichen stärker in die Pflicht nimmt.
Es ist ein Rundumschlag, der die soziale Frage ins Zentrum der politischen Debatte in Madrid rückt. Die UGT konfrontiert die Regionalregierung mit einem unbequemen Spiegel: Man kann sich nicht hinter bundesweiten Durchschnittswerten verstecken, wenn die eigene Region eine Lebenhaltungsrealität hat, die nichts mit dem Rest Spaniens gemein hat. Wie die Gewerkschaft betont, ist die Forderung nach einer eigenen Armutsgrenze der erste Schritt – denn wie der Bericht unmissverständlich klar macht, ist die derzeitige Statistik nicht nur ungenau, sondern zementiert die Ungleichheit, indem sie sie unsichtbar macht.
Der Bericht der UGT Madrid liefert damit erneut Belege dafür, dass das vielbeschworene "Wirtschaftswunder" der Region an den Rändern der Gesellschaft tiefe Narben hinterlassen hat. Madrid ist reich, aber eben nur für einige. Und der Rest? Der bleibt – statistisch gesehen – unsichtbar.
Quelle: europapress.es