
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Levy muss zum Fall Maricarmen Rede stehen
Sondersitzung im Stadtteil Retiro
Im Madrider Stadtbezirk Retiro zeichnet sich ein politisches Nachspiel ab: Bezirksbürgermeisterin Andrea Levy (PP) muss am Dienstag im Bezirksparlament Rede und Antwort stehen. Anlass ist der Tod der 87-jährigen Maricarmen Abascal, die Ende September nach 71 Jahren in ihrer Wohnung in der Calle Alcalde Sainz de Baranda zwangsgeräumt wurde und kurz darauf im Krankenhaus starb. Die Oppositionspartei Más Madrid hat eine Sondersitzung beantragt, in der Levy darlegen soll, welche Maßnahmen die Bezirksverwaltung im Vorfeld der Räumung ergriffen hat.
Druck von Nachbarschaftsinitiativen
Der Forderungskatalog an Levy wächst. Die Nachbarschaftsvereinigung Retiro Norte hat in einem offenen Brief mit dem Titel „Nuestro barrio es Maricarmen“ (Unser Viertel ist Maricarmen) die ausbleibende Unterstützung der Behörden angeprangert. Laut dem Schreiben waren die Verhandlungen mit dem Eigentümer festgefahren; Telefonate blieben unbeantwortet, während das Räumungsdatum näher rückte. Die Anwohner hätten gehofft, dass der öffentliche Druck die Zwangsräumung noch verhindern könne – vergeblich. Die Vereinsmitglieder berichten, dass Abascal noch in der Nacht der Räumung im Krankenhaus darum bat, nach Hause zurückkehren zu dürfen.
Spätes Einlenken der Eigentümer
Bemerkenswert ist der zeitliche Ablauf nach der Räumung: Erst als landesweit Tausende Menschen protestierten, zeigte sich die Eigentümerpartei gesprächsbereit und bot einen neuen Mietvertrag an. Ein Angebot, das nach monatelangen erfolglosen Verhandlungen innerhalb einer Woche zustande kam – für Abascal kam es jedoch zu spät. Ihr Gesundheitszustand erlaubte eine Rückkehr in die Wohnung nicht mehr.
Scharfe Kritik an Almeida
Die politischen Verwerfungen reichen bis in die Stadtspitze. In der Plenarsitzung des Madrider Stadtrats am vergangenen Donnerstag eskalierte die Stimmung. Die sozialistische Fraktionschefin Reyes Maroto warf der PP-Fraktion mangelnden Anstand vor, nachdem diese eine Schweigeminute für die Verstorbene abgelehnt hatte. Maroto betonte, die Stadt schulde Abascal nicht nur einen symbolischen Akt, sondern vor allem ein Bekenntnis, dass sich solche Fälle nicht wiederholen dürften. Sie verwies auf die Verantwortung von Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida, Familien vor Zwangsräumungen zu schützen.
Más-Madrid-Sprecherin Rita Maestre ging in ihrer Rede weiter und zitierte Bertolt Brecht: „Es gibt viele Arten zu töten.“ Sie machte Almeida persönlich für den Tod der Rentnerin mitverantwortlich und kritisierte, dass der Stadtrat im Juni und Juli Anträge der Opposition auf Vermittlung abgelehnt hatte. Maestre nannte die Eigentümer der Immobilie namentlich und bezeichnete sie als „gierige Geier“, denen der Profit wichtiger gewesen sei als das Leben einer alten Frau. An den Bürgermeister gerichtet, sagte sie, er habe erst gehandelt, als die Eigentümer ihr Image hätten aufpolieren wollen.
Almeida kontert mit Wahlkampfvorwürfen
Almeida wies die Angriffe entschieden zurück. Er beschuldigte die linken Parteien, den Fall für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren und Abascal als „Wahlkampfmasche“ zu missbrauchen. Der Bürgermeister kündigte an, dass seine Partei keine weitere Debatte zulassen werde; die Entscheidung liege letztlich bei den Wählern.
Wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtet, steht die Bezirkssitzung am Dienstag unter hoher öffentlicher Beobachtung. Beobachter rechnen mit einer Fortsetzung der emotionalen Debatte im kleineren Rahmen – und mit neuen Fragen an Levy, die bislang keine Stellungnahme zu den Vorwürfen abgegeben hat.
Quelle: europapress.es