
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Kauf einer Wohnung wird zur Herkulesaufgabe
Ein Land spürt die Belastung
Der Zugang zu Wohnraum hat sich in Spanien zu einem der drängendsten gesellschaftlichen Probleme entwickelt. Einem aktuellen Bericht zufolge, der sich auf Daten der spanischen Zentralbank stützt, klafft die Schere zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen weit auseinander. Während ein durchschnittlicher Haushalt rund 4,3 Jahre seines Bruttoeinkommens aufwenden müsste, um eine Immobilie zu erwerben, steigt dieser Wert bei jungen Menschen auf 7,1 Jahre und bei Haushalten mit ausländischen Wurzeln sogar auf 7,6 Jahre.
Ein Kreislauf mit Folgen
Die Analyse des Rats der Verwaltungsgesellschaften Spaniens (Consejo General de Colegios de Gestores Administrativos de España) beschreibt einen Teufelskreis: Wer sich den Kauf nicht leisten kann, bleibt auf den Mietmarkt angewiesen. Die erhöhte Nachfrage dort treibt wiederum die Mietpreise in die Höhe, was das Sparen für den späteren Eigentumserwerb zusätzlich erschwert. Dieser Effekt verstärkt sich selbst und verlängert die Abhängigkeit vieler Haushalte vom Mietmarkt, warnt der Bericht. Gleichzeitig verzögere sich die Abkehr vom Elternhaus vieler junger Erwachsener deutlich. Der Bericht hebt hervor, dass sich der Zugang zu Wohnraum in Spanien seit 1980 so stark verschlechtert hat wie in keinem anderen Land der Eurozone.
Strukturelle Probleme statt Generationenfrage
Die Schwierigkeiten der Jüngeren sind den Autoren zufolge kein vorübergehendes Phänomen einer bestimmten Altersgruppe. Sie sehen darin ein strukturelles Merkmal des spanischen Wohnungsmarktes. Aktuelle Zahlen des Jugendrates Spaniens untermauern diese Einschätzung: Nur etwa jeder siebte unter 30 Jahren lebt in einem eigenen Haushalt – die niedrigste je gemessene Quote. Die Belastung ist extrem: Ein junger Mensch, der allein wohnen möchte, müsste im Schnitt 98,7 Prozent seines Gehalts für die Miete aufbringen. Die Lohnentwicklung seit 2008 (plus 10,8 Prozent) steht in krassem Gegensatz zur Entwicklung der Mietpreise (plus 54 Prozent). Die wirtschaftliche Verwundbarkeit zeigt sich auch hier: Das Armutsrisiko junger Mieter steigt nach Abzug der Wohnkosten von 25,9 auf 43 Prozent.
Die Baulücke schließt sich nicht
Die Preissteigerungen seien nur die sichtbare Spitze eines viel tieferliegenden Problems, schreiben die Verfasser. Ein reines Eingreifen bei den Preisen, etwa per Verordnung, werde die strukturellen Ungleichgewichte kaum beheben. Entscheidend sei es, die Bautätigkeit wieder anzukurbeln, um den Bedarf einer wachsenden Bevölkerung zu decken. Die Zahlen belegen eine dramatische Lücke: Zwischen 1970 und 2010 entstanden jährlich durchschnittlich 315.000 neue Wohnungen. Heute sind es nur noch etwa 83.000 – ein Viertel des früheren Niveaus. Dem gegenüber steht die Gründung von rund 240.000 neuen Haushalten pro Jahr. Die spanische Zentralbank beziffert den daraus resultierenden Wohnungsmangel für die Jahre 2021 bis 2025 bereits auf 750.000 Einheiten. Fernando Jesús Santiago, Präsident des Rates der Verwaltungsgesellschaften, betonte bei der Vorstellung: „Nicht der Mangel an Boden oder technischem Know-how ist das Problem. Die Produktion muss erheblich gesteigert werden, nicht nur für die neuen Haushalte, sondern auch, um den aufgelaufenen Rückstand aufzuholen.“
Ein klarer Maßnahmenkatalog
Um die Krise zu bewältigen, schlagen die Verwaltungsgesellschaften ein Bündel von 30 Maßnahmen mit Zielhorizonten von vier, zehn und zwanzig Jahren vor. Dazu zählt ein nationales Programm für den Wohnungsbau, das sich auf die sechs Provinzen mit dem größten Defizit konzentrieren soll: Madrid, Barcelona, Alicante, Valencia, Murcia und Málaga. Weitere Punkte sind die Mobilisierung aller nicht geschützten oder landwirtschaftlich genutzten Bodenflächen, ein digitales Einheitsverfahren für Baugenehmigungen sowie eine Stärkung des Mietmarktes durch staatlich-private Garantien gegen Zahlungsausfälle und Ausgleichszahlungen an Vermieter bei einem Aufschub von Zwangsräumungen. Der Zeitplan sieht Sofortmaßnahmen innerhalb von 100 Tagen vor – etwa eine bessere Koordination der Verwaltungen und eine Überprüfung der Mietregulierung. Mittelfristig, also innerhalb einer Legislaturperiode, sollen das Bauprogramm und der digitale Bauakt eingeführt werden. Das langfristige Ziel für die kommenden zwei Jahrzehnte ist es, die Bautätigkeit an die Haushaltsgründungen anzupassen, den öffentlichen und bezahlbaren Wohnungsbestand zu erweitern und eine dauerhafte Evaluation der Wohnungspolitik zu etablieren.
Wie aus dem Bericht hervorgeht, ist keine einzelne Maßnahme für sich genommen die Lösung. Die Autoren widersprechen ausdrücklich einem reinen Verordnungsansatz, wie ihn die Regierung zuletzt beschlossen hat. „Die Lösung ist kein Dekret, sondern ein System“, betonen sie und verweisen auf den Bedarf an Bauland, einer schnelleren Verwaltung und mehr Rechtssicherheit als Fundament für eine nachhaltige Verbesserung. Der Bericht wurde am Dienstag vom Consejo General de Colegios de Gestores Administrativos in Madrid vorgestellt. Die zugrundeliegenden Daten stammen von der Banco de España, dem Institut für Jugend, der spanischen Statistikbehörde und den Registern der Zentralbank.
Quelle: 20minutos.es