Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Kanarenroute: Weniger Ankünfte, höhere Todesrate
Die Migration über den Atlantik zu den Kanarischen Inseln zeigt im Jahr 2026 einen deutlichen, aber zwiespältigen Trend. Während die Ankunftszahlen auf den Archipel drastisch zurückgegangen sind, verzeichnet die Route eine alarmierend hohe Todesrate. Eine methodische Auswertung offizieller Statistiken und NGO-Berichte offenbart die Dimensionen dieser Entwicklung.
Statistischer Einbruch bei den Ankünften
Nach den aktuellsten Daten des spanischen Innenministeriums kamen in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 nur 3.184 Menschen auf den Kanarischen Inseln an. Das stellt einen Rückgang von 71 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (10.983) dar und markiert den niedrigsten Stand seit dem Jahr 2020. Damals waren es 2.475 Personen.
Dieser Trend setzt sich aus dem Vorjahr fort. Für das Gesamtjahr 2025 verzeichnete das Ministerium für Inklusion 17.555 Ankünfte auf den Kanaren – ein Rückgang von 59,9 Prozent gegenüber dem Rekordjahr 2024 mit 43.737 Migranten. Die europäische Grenzschutzagentur Frontex führt diese Entwicklung in ihrem Bericht für das erste Quartal 2026 primär auf verstärkte polizeiliche Überwachung und Kooperationsabkommen mit Herkunftsländern wie Gambia, Senegal und Mauretanien zurück. Laut spanischem Innenministerium habe diese Zusammenarbeit im Kampf gegen Schleuserkriminalität im Jahr 2025 schätzungsweise 62 Prozent der geplanten Abfahrten Richtung Kanaren vereitelt.
Steigende Mortalität trotz sinkender Zahlen
Der starke Rückgang der Gesamtzahlen wird von einer düsteren Gegenbewegung überschattet. Die Nichtregierungsorganisation Caminando Fronteras dokumentierte von Januar bis Mai 2026 mindestens 635 Todesfälle auf der Kanarenroute. Zwar ist diese Zahl absolut betrachtet niedriger als im gleichen Zeitraum 2025 (ein Minus von 57 Prozent), doch das Verhältnis von Toten zu Überlebenden hat sich signifikant verschlechtert.
Nach Angaben der NGO kommt derzeit auf der Atlantikroute eine Person ums Leben, auf fünf, die lebend anlanden. Im Jahr 2025 lag dieses Verhältnis noch bei 1 zu 7,4. Die Strecke hat sich somit prozentual betrachtet als gefährlicher erwiesen. Insgesamt starben in den ersten Monaten des Jahres 2026 nach dem Monitoring von Caminando Fronteras 1.317 Menschen bei dem Versuch, nach Spanien zu gelangen. Neben den 635 Opfern auf der Kanarenroute forderten die algerische Route (507), die Straße von Gibraltar (99), das Alborán-Meer (28) und die Grenzzäune von Ceuta (48) Tote.
Längere und riskantere Überfahrten
Die zunehmende Gefährlichkeit ist laut der Untersuchung von Caminando Fronteras auf strukturelle Veränderungen der Migrationsbewegung zurückzuführen. Die Abfahrtsorte der meist überladenen Holzboote (Cayucos) oder Schlauchboote (Pateras) haben sich weiter nach Süden verlagert. So wurden beispielsweise Abfahrten aus der Region um Essaouira in Marokko dokumentiert, was eine Seereise von über 430 Kilometern bis nach Lanzarote bedeutet. Diese längeren Strecken erhöhen die Risiken von Erschöpfung, Dehydrierung, technischen Defekten und Unwettern erheblich.
Besonders tragisch ist die Statistik der vollständig verschwundenen Boote: Von Januar bis Mai 2026 verschwanden 27 Boote auf der Kanarenroute spurlos, ohne dass es Überlebende gab. Die meisten dieser Cayucos kamen aus Gambia und transportierten eine große Anzahl von Menschen, was die Opferzahl bei jedem einzelnen Unglück in die Höhe treibt.
Historischer Kontext und politische Bewertung
Die aktuelle Entwicklung steht im Kontrast zu den Vorjahren. Nach der sogenannten “Krise von Arguineguín” im Jahr 2020 auf Gran Canaria erlebte die Kanarenroute zwischen 2023 und 2024 eine starke Zunahme. Der nun beobachtete Rückgang wird in einem gemeinsamen Bericht der Fundación ECCA Social und des Servicio Jesuita a Migrantes (SJM) als Effekt der europäischen Externalisierungspolitik gedeutet, die Grenzkontrollen und Rückführungsabkommen in Drittstaaten verlagert.
Diese Politik wird von Menschenrechtsorganisationen kritisch bewertet. Josep Buades Fuster von der Asociación Claver, einem Partner des SJM, bezeichnete die europäische Migrationspolitik gegenüber 20minutos als “infam”, da sie “einen Preis auf die Rückführung von Migranten” setze. Auch Papst Franziskus wurde während seines Besuchs auf den Kanaren mit der Bitte konfrontiert, sich gegen die “Entmenschlichung und Unsichtbarmachung” von Migranten einzusetzen, die laut Caminando Fronteras zu den wachsenden Zahlen “strafloser Tode” auf See beitrage.
Die verfügbaren Daten zeichnen ein klares Bild: Während verstärkte Kontrollen die Anzahl der Überfahrten reduzieren, führen sie zu einer Verlagerung der Routen in gefährlichere Gewässer. Das Ergebnis ist eine paradoxe Situation mit weniger Ankünften, aber einer höheren individuellen Todeswahrscheinlichkeit für diejenigen, die sich auf die Reise wagen.
Quelle: 20minutos.es