Kanaren rüsten gegen den Müll

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Kanarische Inseln

Kanaren rüsten gegen den Müll

von Redaktion3 Min. Lesezeit

Monitoring statt Augenwischerei: Wissenslücke an Europas Südwestküste

Wer glaubt, das Müllproblem in den Ozeanen sei nur ein fernes Phänomen des Pazifiks, irrt gewaltig. Ausgerechnet an den Stränden der Kanarischen Inseln, jener Perlenkette im Atlantik, die jährlich Millionen Touristen anzieht, klaffte bislang eine eklatante Wissenslücke. Die Datenlage über angespülte Abfälle war dürftig, die Erkenntnisse oft zufällig und wenig systematisch. Ein neues europäisches Projekt namens CIRCULAROCEAN will diesen Missstand nun beenden – und setzt auf eine Methode, die eigentlich selbstverständlich sein sollte: konsequentes, standardisiertes Messen statt bloßem Beobachten.

Ein Archipel wird zum Forschungslabor

Am vergangenen Sonntag ging es auf der Playa de Tazacorte auf La Palma ernst, als Fachleute der spanischen Ornithologischen Gesellschaft SEO/BirdLife im Auftrag der Regionalregierung die ersten systematischen Proben nahmen. Das ehrgeizige Vorhaben umfasst ein Netz von 30 Referenzstränden, verteilt über alle acht Hauptinseln sowie das unbewohnte Eiland Alegranza. Viermal pro Jahr, jeweils in den verschiedenen Jahreszeiten, werden die Küstenabschnitte nun unter die Lupe genommen. Insgesamt also 120 Einsätze jährlich – ein Aufwand, der notwendig ist, um aussagekräftige Muster zu erkennen und nicht vorschnell von Einzelbeobachtungen auf den Gesamtzustand zu schließen.

Die methodische Strenge ist kein akademischer Selbstzweck. Die Kampagnen folgen einem festgelegten Protokoll, das sich an europäischen Standards und dem internationalen OSPAR-Abkommen zum Schutz des Nordostatlantiks orientiert. Erfasst wird nicht nur die schiere Menge des angeschwemmten Unrats, sondern auch dessen genaue Zusammensetzung und die mögliche Herkunft. So sollen saisonale Schwankungen sichtbar werden: Wird im Sommer mehr Plastiktourismusmüll angespült, im Winter mehr Verpackungsmüll aus der Schifffahrt? Die Antworten darauf sind kein Selbstzweck, sondern die entscheidende Grundlage für gezielte Prävention und nachhaltiges Management.

Handelnder Staat statt hilfloser Zuschauer

Der kanarische Minister für den Ökologischen Wandel, Mariano H. Zapata, erteilt mit diesem Projekt allen Stimmen eine Absage, die auf Bauchgefühl und anekdotischen Einzelfällen basieren. "Verwaltung muss sich auf Daten stützen, nicht auf punktuelle Wahrnehmungen", bringt es der Politiker auf den Punkt. Dieser Ansatz ist richtig und überfällig. Wer die Verschmutzung der Meere stoppen will, muss zunächst wissen, womit wir es konkret zu tun haben. Ein einzelner Müllberg am Strand kann spektakulär wirken, verrät aber nichts über die tatsächliche Belastungssituation – so wie man die Qualität eines Krankenhauses auch nicht anhand eines einzigen Notfalls beurteilen kann.

Die Verantwortlichen zeigen damit ein Verständnis von Umweltpolitik, das man sich vielerorts wünschen würde: pragmatisch, evidenzbasiert und zukunftsorientiert. Es geht nicht darum, mit dem Finger auf Verursacher zu zeigen, sondern darum, die Kreislaufwirtschaft zu stärken. Gesammelte Abfälle sollen künftig nicht nur entsorgt, sondern im besten Fall recycelt und in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden. Das entspricht dem Geist eines Projekts, das mit 2,2 Millionen Euro von der EU gefördert wird und an dem 17 Einrichtungen aus Makaronesien sowie Westafrika beteiligt sind.

Ein Signal für den gesamten Atlantik

Die Bedeutung des Vorhabens reicht weit über die Grenzen des Archipels hinaus. Durch die gemeinsame Datenerfassung mit Partnern auf den Azoren, Madeira, den Kapverden und sogar in Ghana und São Tomé und Príncipe entsteht erstmals ein umfassendes Bild der Verschmutzungssituation im mittleren Ostatlantik. Die georeferenzierten Daten erlauben Vergleiche und zeigen Verteilungswege des Mülls auf. Wer jetzt noch behauptet, es fehle an Erkenntnissen, kann sich künftig nicht mehr herausreden. Die Inselgruppe geht hier als Vorreiter voran und beweist, dass man auch mit begrenzten Mitteln Großes bewirken kann – wenn man denn den Willen dazu hat. Die Datenbasis von morgen ist der Schutz der Küsten von übermorgen.


Quelle: europapress.es

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