
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Kanaren rufen Madrid zum Krisengipfel
Ein Hilferuf mit Ansage
Die Geduld der Kanaren ist am Ende. Fernando Clavijo, Präsident der Kanarischen Inseln, hat Madrid den Fehdehandschuh hingeworfen: In den kommenden Tagen wird er den Migrationspakt einberufen – ob die Zentralregierung will oder nicht. Der Grund ist eine Mischung aus blankem Frust und berechtigter Sorge. Während dieboote wieder häufiger die gefährliche Route über den Atlantik wagen, reagiert die Regierung in Madrid mit Schweigen. Statt Lösungen zu liefern, mache sie „oídos sordos“ – taube Ohren. Ein Affront, den sich die Inseln nicht länger bieten lassen.
Der Geduldsfaden ist gerissen
Clavijos Vorwurf wiegt schwer: Seit Wochen versuche seine Regionalregierung, den Ernst der Lage zu vermitteln. Bereits vor über einem Monat habe man die Zentralregierung über einen Geheimdienstbericht informiert, der eine „Reaktivierung der kanarischen Route“ vorhersagte. Passiert ist – nichts. Die Bitte, die Sicherheitskonferenz zwischen Staat und Region einzuberufen, verhallte ebenfalls ungehört. Für Clavijo ist das ein eklatanter Bruch der institutionellen Loyalität. Wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtet, warf er Madrid vor, nicht einmal die „minimalste institutionelle Höflichkeit“ walten zu lassen.
El Hierro am Limit – das Warten auf den Kollaps
Die Lage, die Clavijo schildert, ist nichts weniger als alarmierend. Die kleine Insel El Hierro sei erneut „dramatisch“ betroffen. Die dortigen Aufnahmeeinrichtungen (CATE) seien weder hygienisch noch menschenwürdig. Clavijo geht sogar noch weiter: Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich Sanitäter weigern, die Einrichtungen zu betreten. Das Krankenhaus von El Hierro stehe erneut vor dem Kollaps. Man müsse sich fragen, ob Madrid bewusst darauf warte, „dass die Krise explodiert“, so der Tenor aus Santa Cruz de Tenerife.
Die reinste Zahlenakrobatik
Die Statistik untermauert die Dramatik: Innerhalb eines einzigen Monats kamen 499 unbegleitete Minderjährige auf den Inseln an – 432 von ihnen ohne Eltern oder Verwandte. Das neue EU-Asylpaket erschwert die Lage zusätzlich, da Verfahren zur Weiterleitung der Migranten ins Festlandspanien zunehmend komplizierter werden. Derweil schaut Madrid weg. Für Clavijo ist die Einberufung der Sicherheitskonferenz kein Zugeständnis, sondern eine Selbstverständlichkeit: „Ich glaube nicht, dass das zu viel verlangt ist.“
Ein Spiel mit dem Feuer
Der nationalistische Abgeordnete David Toledo verschärft die Kritik und geißelt das Verhalten der etablierten Parteien als zynisches Machtspiel. Man warte offenbar darauf, dass die Krise eskaliere, um sie politisch auszuschlachten: PP und Vox würden der PSOE Versagen vorwerfen, das wiederum auf die Blockadehaltung der Rechten bei der Verteilung der Minderjährigen verweisen. Am Ende bleibe nur eines zurück: die Kanaren als „Boxsack“ der nationalen Politik. Dieser parteipolitische Kleinkrieg sei unerträglich. Notwendig sei eine gemeinsame, laute Stimme der Inseln, die von Madrid nicht nur mehr Technik und Personal fordert, sondern auch den offiziellen Einsatz der europäischen Grenzschutzagentur Frontex verlangt.
Das Warten hat ein Ende
Clavijos Ankündigung ist mehr als eine Formalie – es ist eine Kampfansage an eine Regierung, die die Probleme der Inseln ignoriert, bis sie nicht mehr zu übersehen sind. Die Kanaren setzen nun auf eine geeinte Front, um den Druck auf Madrid und Brüssel zu erhöhen. Die Frage ist nicht, ob die Lage eskaliert, sondern ob Madrid die Zeichen der Zeit endlich erkennt – oder weiterhin taub bleibt, bis die nächste Tragödie auf dem Atlantik die Schlagzeilen bestimmt.
Quelle: europapress.es