
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Frankreichs Filmfest kürt Ernaux-Verfilmung
Ein Triumph der leisen Töne
Die Entscheidung ist eindeutig, und sie ist richtig. „Mémoire de fille“ von Judith Godrèche, die filmische Adaption des autobiografischen Romans von Literatur-Nobelpreisträgerin Annie Ernaux, hat den Hauptpreis des 32. Festival de Cine Francés in Málaga gewonnen. Das ist keine bloße Geste der Ehrerbietung gegenüber einer literarischen Ikone, sondern die Anerkennung eines Werks, das sich mutig gegen den Strom des konventionellen Erzählkinos stemmt.
Ein Stoff, der unter die Haut geht
Die Handlung folgt der jungen Annie in den Sommer 1958, als sie mit 18 Jahren eine sexuelle Gewalterfahrung erleidet. Jahre später kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit zurück, und die Erinnerungen brechen mit voller Wucht über sie herein. Godrèche, die für ihren dokumentarischen Kurzfilm „Moi aussi“ bereits in Cannes gefeiert wurde, setzt ihren unmissverständlichen künstlerischen Fokus auf die Darstellung sexualisierter Gewalt fort. Genau diese Hartnäckigkeit ist es, die den Film von einer bloßen Nacherzählung abhebt.
Der Jury fiel die Begründung nicht schwer: Sie lobte die Komplexität des Werks, das den Zuschauer auf unerwartete Pfade innerhalb der Fiktion führe. Die filmische Umsetzung meidet die ausgetretenen Pfade klassischer Erzählstrukturen und schafft stattdessen ein Geflecht aus Kontrasten – ein Ansatz, der letztlich eine lebensbejahende Botschaft transportiert. Ernaux selbst, die eng mit der Regisseurin zusammenarbeitete und ihr exklusives Material zur Verfügung stellte, das nicht einmal im Buch vorkam, spricht von einer „inneren Treue“ der Adaption und hebt die Subtilität und Delikatesse des Films hervor.
Revolution im Detail
Neben dem Hauptpreis sorgte ein weiterer Film für Gesprächsstoff: Louis Clichy erhielt für „Le Corset“ den Preis für die beste Regie und räumte zudem den Publikumspreis ab. Ein historischer Moment, denn erstmals in der Festivalgeschichte stand ein Animationsfilm in der offiziellen Auswahl. Clichy, der an Produktionen wie „Wall-E“ oder „Up“ mitwirkte, erzählt eine zutiefst persönliche Geschichte über ein Korsett aus seiner Kindheit – ein Symbol für die Beschränkungen des Körpers und die Möglichkeit, sich aus ihnen zu befreien. Die Jury erkannte darin eine Revolution, die sich in den Details der Fiktion manifestiert, um einen Körper von seiner Rigidität und der ihn lähmenden Unterdrückung zu lösen.
Die weiteren Ehrungen gehen an Lila Gueneau („À bras-le-corps“) und Bradley Fiomona („Congo Boy“), die sich den Preis für die beste schauspielerische Leistung teilen. Der Nachwuchs-Jurypreis ging ebenfalls an „Congo Boy“ von Rafiki Fariala, dessen Protagonist Robert mit einer ansteckenden Hoffnung gegen alle Widrigkeiten kämpft – ein erfrischendes Narrativ, das den Traumata-Diskurs hinter sich lässt und zeigt, dass die Realität kein Drama ist, sondern einfach nur ist.
Festivaldirektor Sullivan Benetier zog unter dem Motto „Die Revolution des Blicks“ eine positive Bilanz. Die mehr als 60 gezeigten Filme hätten dazu eingeladen, Dinge zu überdenken, zweimal hinzusehen und jene Themen zu würdigen, die zu oft unsichtbar gemacht werden. Die ausgezeichneten Filme, so Programmleiterin Julia Branché, eint ein roter Faden: junge Menschen am Übergang zum Erwachsenwerden, die in einer schwierigen, manchmal gewalttätigen Welt ihren Weg finden – getragen von einer unbändigen Lebenslust.
Die Auszeichnungen des Festivals, das vom 14. bis 21. Oktober in Málaga stattfand, unterstreichen einmal mehr die thematische Vielfalt des frankophonen Kinos. Von der Aufarbeitung weiblicher Erfahrungen über die visuelle Poesie der Animation bis hin zu postkolonialen Perspektiven – das Festival setzte ein Zeichen für ein Kino, das sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist. Wie die Jury betonte, verbindet die prämierten Filme die Verteidigung einer gerechteren Welt – ein Anspruch, der in Zeiten globaler Unsicherheit wichtiger ist denn je.
Quellen: Europapress, Festival de Cine Francés de Málaga
Quelle: europapress.es