Ein Todesfall, der Spaniens Schulpolitik erschütterte

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Sevilla

Ein Todesfall, der Spaniens Schulpolitik erschütterte

von Redaktion3 Min. Lesezeit

Ein Jahr des Überlebens

Für Zara Villar und ihren Ehemann hat die Zeit am 14. Oktober nicht aufgehört zu existieren, doch sie ist stehen geblieben. „Uns wurde in diesem Moment das Leben angehalten“, sagt die Mutter von Sandra Peña zwölf Monate nach dem Tod ihrer Tochter. Die 14-Jährige starb, nachdem sie sich kurz nach dem Ende des letzten Schultags vom Dach des Wohnhauses gestürzt hatte, in dem die Familie lebte. Sie soll zuvor über Monate hinweg Mitschülern ausgesetzt gewesen sein, die sie systematisch schikanierten.

Die Familie beschreibt das vergangene Jahr als einen täglichen Kampf gegen die physische Abwesenheit des Mädchens. Gleichzeitig habe man jedoch nie den Fokus verloren: Es gehe darum zu klären, warum niemand eingegriffen hat, bevor es zu spät war. Die zentrale Frage, die die Eltern bis heute stellen: Wieso wurden die schulischen Schutzmechanismen nicht aktiviert, obwohl die Hinweise auf eine Eskalation erkennbar waren?

Versäumnisse im Klassenzimmer

Villar macht keinen Hehl aus ihrer Haltung: „Mit Sandra hat das Lehrpersonal versagt.“ Sie argumentiert, dass Lehrer während der Unterrichtszeit die gesetzlichen Garanten für das Wohl der Schüler seien. Im Fall ihrer Tochter sei dieser Schutz ausgeblieben. Die Mutter verweist auf ein Versprechen der Schulleitung des privaten Zentrums Irlandesas Loreto, zwei verbindliche Protokolle der andalusischen Bildungsbehörde in Gang zu setzen – eines zur Mobbing-Prävention und eines für den Umgang mit Selbstverletzungsgefahr. Beides sei nie geschehen.

„Wenn die Protokolle nicht geöffnet werden, können sie nicht greifen. Sie wären ein grundlegendes Unterstützungsnetz für sie gewesen“, so Villar. Die Familie sieht darin eine der wichtigsten Lehren aus dem Fall: Mobbing dürfe nicht als „Kinderkram“ abgetan werden. Die seelischen Verletzungen würden ein Leben lang nachwirken.

Ein landesweites Echo

Trotz der eigenen Trauer entschieden sich die Eltern, an die Öffentlichkeit zu gehen. „Wir haben unsere Stimme für Sandra und für alle zum Schweigen gebrachten Kinder erhoben“, erklärt Villar. Die Resonanz auf den Fall sei überwältigend gewesen. „Es war wie ein lauter Ruf nach ‚Genug jetzt‘. Es schien, als wäre das Thema Mobbing zum Schweigen gebracht worden, bis Sandra kam.“ Die Mutter spricht von einem Gefühl der Identifikation in der Gesellschaft, selbst beim Lehrpersonal. Sie hoffen, dass der Tod ihrer Tochter zu einer Zeitenwende führt und der Fall als warnendes Beispiel für Untätigkeit dient.

Ein Teilerfolg vor Gericht

Ein wichtiger Meilenstein war die juristische Aufarbeitung. Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst gegen die Schule und drei Verantwortliche ermittelt. Die Anklage lautete auf fahrlässige Tötung, psychische Schädigung und erniedrigende Behandlung. Die zuständige Richterin stellte das Verfahren jedoch ein. Sie argumentierte, die Einrichtung habe zwar Maßnahmen ergriffen, aber niemand habe damit rechnen müssen, dass die Jugendliche sich das Leben nehmen würde. Dennoch räumte das Gericht ein, dass die Personen mit Garantenpflicht nicht mit der gebotenen Schnelligkeit reagiert hätten.

Die Familie akzeptiert die Entscheidung, teilt sie aber nicht. „Dieser Beschluss des Provinzgerichts war sehr wichtig, denn er gibt uns in all dem recht, was wir von Anfang an gesagt haben: Es wurde nicht so gehandelt, wie es nötig gewesen wäre. Dieser Teil tröstet uns“, sagt Villar.

Warten auf ein Exempel

Nun richtet sich der Blick auf die Verwaltungsebene. Die Eltern fordern eine „exemplarische Sanktion“ der andalusischen Regionalregierung gegen die Schule. Sollte die Bildungsbehörde eine schwere Zuwiderhandlung feststellen, könnte sie dem privaten Zentrum die staatliche Finanzierung entziehen. „Die Richterin hat den Mobbing-Fall anerkannt. Wenn es nun keine entschlossene administrative Antwort gibt, was können wir dann noch erwarten?“, fragt die Mutter. Die Entscheidung der Junta de Andalucía wird mit Spannung erwartet, ebenso wie die abschließende Bewertung der Jugendstaatsanwaltschaft von Sevilla. Die Familie bleibt in ihrem Kampf unerschütterlich – ein Jahr nach dem Tag, der ihr Leben für immer veränderte.


Quelle: europapress.es

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