
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Ein neues Leben durch Papiere
Spanien und seine sechs Regularisierungswellen
Seit 1986 hat Spanien insgesamt sechs außerordentliche Regularisierungsverfahren für Migranten durchgeführt. Die erste erfolgte unter dem Sozialisten Felipe González, die zweite zwischen 1991 und 1992. Unter José María Aznar kamen drei weitere Prozesse in den Jahren 1996, 2000 und 2001 hinzu. Die bislang letzte große Welle startete 2005 unter José Luis Rodríguez Zapatero. Zusammengenommen erhielten durch diese Maßnahmen weit über eine Million Menschen einen legalen Aufenthaltsstatus. Die aktuelle Regularisierung, die im April 2025 von der Regierung verabschiedet wurde, läuft noch bis zum 30. Juni.
Wie die spanische Tageszeitung 20minutos berichtet, waren es vor allem die Erzählungen jener, die 2005 legalisiert wurden, die den gesellschaftlichen Wert solcher Verfahren verdeutlichen.
Vom Schatten ins Licht: Souleymane Cissé
Souleymane Cissé, ein heute 57-jähriger Malier, kam 2001 nach Spanien. Zuvor hatte er in Deutschland und Frankreich gearbeitet, in Mali selbst war er im Verteidigungsministerium beschäftigt gewesen. Die politische Instabilität in seiner Heimat trieb ihn fort. Vier Jahre lang arbeitete er ohne Vertrag – zunächst in der Reinigung von Agrarbetrieben, später auf dem Bau. Er schlief in einer Wohnung in Banyoles, Girona, zusammen mit sieben oder acht anderen afrikanischen Migranten, die ebenfalls ohne Papiere lebten. Manche lagen auf provisorischen Matratzen, andere direkt auf dem Boden. Cissé selbst gab sein Zimmer ab, wenn es nötig war. „Die Leben war so: Heute helfe ich dir, morgen hilfst du einem anderen“, erinnert er sich.
In jenen Jahren häufte er Ersparnisse von bis zu 30.000 Euro an – bar unter der Matratze. Sein klares Ziel: für die Ausbildung seiner Kinder zu sorgen, damit keines von ihnen jemals emigrieren müsse. „Das war meine erste Investition“, sagt er heute. Alle drei Söhne haben inzwischen einen Universitätsabschluss, eine Tochter besucht das Gymnasium. Cissé selbst arbeitet inzwischen legal in der Landwirtschaft.
Die Regularisierung von 2005 brachte eine entscheidende Wende. „Papiere zu haben gab mir Unabhängigkeit“, resümiert er. Er konnte nach Afrika reisen, ohne eine Rückkehr zu riskieren, eine Wohnung legal mieten, Sozialbeiträge zahlen und grundlegende Rechte wahrnehmen. Vor allem aber: „Endlich konnte ich ruhig leben.“
Alahi Mohammad Fazle: Vom Programmierer zum Sozialarbeiter
Alahi Mohammad Fazle, ein 48-jähriger Bangladescher, zeigt in der Madrider Straße Lavapiés stolz seinen spanischen Personalausweis. Auch er erhielt 2005 die Aufenthaltserlaubnis. Vor seiner Emigration arbeitete er als Programmierer. In Spanien kam er über zwölf Länder angetrieben von dem Traum, nach Kanada oder in die USA zu gelangen. Stattdessen fand er in Spanien „Freundschaft, Integration und Hoffnung“. Seine ersten Jahre waren geprägt von Sprachlosigkeit: Er wurde 72 Stunden lang in Polizeigewahrsam festgehalten, weil kein Übersetzer für seine Sprachen gefunden wurde.
Er arbeitete in Fabriken und Lagern, oft 14 bis 16 Stunden täglich, zu Niedriglöhnen in bar. Nach der Regularisierung gelang ihm der Aufstieg: Er studierte an der Universität, arbeitete 17 Jahre lang als Sozialarbeiter und Dolmetscher für das Madrider Rathaus im Centro Comunitario Casino de la Reina. Er spricht Bengali, Urdu, Hindi und Englisch. 2013 konnte er seine Frau aus Bangladesch nachholen. Das Paar hat zwei in Spanien geborene Kinder. „Jetzt ist alles gut. Ich habe gelernt zu kämpfen, und meine Frau auch. Meine Kinder und ich haben spanische Freunde, und Allah hat mir die Kraft gegeben, mein Leben mit ihnen zu teilen“, sagt Fazle, der heute aufgrund einer Beinverletzung eine Erwerbsunfähigkeitsrente bezieht.
Die Perspektive der Rechtsberatung
Die Anwältin Ainhoa Echeverría, die Migranten in Regularisierungsverfahren begleitet, beschreibt die alltägliche Realität von Menschen ohne Aufenthaltsstatus. „Ein Mensch ohne Papiere versucht, unsichtbar zu sein“, sagt sie. Die Angst vor Abschiebung führe dazu, dass viele Straftaten nicht anzeigten, keine Wohnungen mieteten oder bestimmte öffentliche Dienstleistungen nicht in Anspruch nähmen. „Ihr Leben reduziert sich darauf, von Tag zu Tag zu überleben und einen Weg zu finden, sich über Wasser zu halten.“
Quelle: 20minutos.es