Die vergessenen Viertel: Hitzestress trifft die Ärmsten

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Sevilla

Die vergessenen Viertel: Hitzestress trifft die Ärmsten

von Redaktion3 Min. Lesezeit

Wenn der Klimawandel eine soziale Frage wird

Die Klimakrise ist kein abstraktes Phänomen, das irgendwann in ferner Zukunft eintritt. Sie ist längst in den Straßen angekommen – und sie unterscheidet gnadenlos nach Postleitzahl und Einkommen. Während sich Bewohner der Innenstädte an schattigen Plätzen und in klimatisierten Räumen erholen können, kämpfen Menschen in den Trabantenstädten gegen eine unsichtbare Bedrohung. Eine neue Untersuchung des Projekts ADIS, an der die Universität Pablo de Olavide (UPO) beteiligt ist, legt nun schonungslos offen, wie tief die soziale Spaltung angesichts steigender Temperaturen tatsächlich ist.

457.000 Menschen im Brennpunkt

Das Forschungsteam hat dafür nicht einfach das Thermometer an öffentlichen Plätzen gemessen. Die Wissenschaftler verknüpften Satellitendaten zu Temperatur, thermischem Komfort, Vegetation und Hochwasserrisiko mit sozialen Indikatoren. Das Ergebnis ist ein soziales Abbild der Klimakrise: In der Metropolregion Sevilla gibt es 32 Viertel, die eine hohe städtebauliche Vulnerabilität mit einer mittleren bis hohen Hitzebelastung kombinieren. Rund 457.000 Menschen – mehr als ein Drittel der gesamten Metropolitanbevölkerung – leben in diesen Zonen.

Es sind vor allem jene Viertel, die ohnehin mit den größten sozialen Herausforderungen kämpfen: Polígono Sur, Palmete, Torreblanca, Los Pájaros-Amate, San Jerónimo, San Pablo oder Pino Montano. Dazu kommen die historischen Zentren von Gemeinden wie Camas, Coria del Río, La Algaba oder Alcalá de Guadaíra, die sich in einem prekären baulichen Zustand befinden.

Ein Muster, das sich in ganz Spanien wiederholt

Besonders brisant ist die Tatsache, dass dieses Phänomen nicht auf Sevilla beschränkt bleibt. Die Forscher haben insgesamt 925 Stadtviertel in den Ballungsräumen Barcelona, Madrid, Valencia und Sevilla analysiert. Überall zeigt sich dasselbe Muster: Je höher die Vulnerabilität, desto weniger Grünflächen und desto größer die Hitzebelastung. Dies entlarvt die weit verbreitete Annahme als Mythos, wonach der Klimawandel alle gleichermaßen betreffe. Die Wahrheit ist unbequemer: Wer wenig hat, bekommt auch noch die heißeste Luft ab.

Neben der geografischen Analyse führen die Wissenschaftler derzeit 2.315 Befragungen in den vier Metropolregionen durch und untersuchen 16 Fallstudien zu sozialen Innovationen. Dabei geht es nicht nur um individuelle Anpassungsstrategien, sondern auch um das Engagement von Nachbarschaftsgemeinschaften. Wie die UPO mitteilte, wurden die ersten Ergebnisse im Rahmen des offenen Forums „Los barrios frente al cambio climático" im Centro Cívico Las Sirenas präsentiert – ein wichtiger Schritt, um aus der Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu gelangen.

Stadtplanung als soziale Gerechtigkeit

Diese Daten sind ein Weckruf für all jene, die Nachhaltigkeit nur als technisches Problem verstehen. Wenn Bäume dort gepflanzt werden, wo ohnehin schon Grün ist, und Asphalt dort bleibt, wo ohnehin Hitze herrscht, dann ist das keine Klimapolitik – das ist Zementierung sozialer Ungleichheit. Die Stadt Sevilla, die im Sommer regelmäßig an ihre Belastungsgrenzen stößt, muss ihre vergessenen Viertel endlich in den Fokus der Anpassungsstrategien rücken. Es braucht konkrete Maßnahmen: Entsiegelung, mehr Bäume, kühlende Schattenplätze und den Schutz der Bewohner vor den Extremen, die sie am wenigsten selbst verursacht haben.

Die Sitzung in Las Sirenas zeigte, dass es funktionieren kann, wenn Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Verwaltung an einem Tisch sitzen. Jetzt müssen Taten folgen – und zwar dringend. Denn die nächste Hitzewelle kommt bestimmt.


Quelle: europapress.es

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