
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Die Stromlüge: Spaniens Blackout-Akte wird verlängert
Der Blackout, der keiner sein durfte
Am 28. April 2025 versank Spanien in Dunkelheit. Ein landesweiter Stromausfall legte das Land lahm – und entlarvte ein System, das auf dem Papier zu den modernsten Europas gehört. Doch statt klarer Antworten liefert der Untersuchungsausschuss im Congreso bisher vor allem eines: politisches Gezerre. Jetzt wird die Kommission erneut verlängert. Vier bis fünf Sitzungen sind geplant, 13 weitere Zeugen sollen gehört werden. Das Ende ist für Ende November oder spätestens vor Weihnachten anvisiert – ein Zeitpunkt, der bezeichnenderweise mit der Entscheidung über den Haushalt oder mögliche Neuwahlen zusammenfällt. Zufall? Wohl kaum.
Die falschen Fragen an die falschen Leute
Die Mehrheit der Fraktionen will sich endlich auf technische Profile konzentrieren. Eine vernünftige Idee – schließlich geht es um Netzstabilität, Systemschutzmechanismen und die Frage, warum ein einziger Fehler das gesamte nationale Stromnetz kollabieren ließ. Doch die Volkspartei (PP) spielt ein anderes Spiel. Sie fordert die Aussage von Jordi Sevilla – Ex-Sozialminister, früherer Präsident des Netzbetreibers Red Eléctrica und lautstarker Kritiker der aktuellen Energiepolitik. Und sie will, dass die letzte Zeugenaussage der Kommission ausgerechnet Sara Aagesen gehört, der Vizepräsidentin und Ministerin für den ökologischen Wandel. Die Botschaft ist klar: Der Blackout wird zur politischen Abrechnung instrumentalisiert, nicht zur technischen Aufarbeitung.
Ein Systemwechsel mit Ansage
Bezeichnend ist die bisherige Zeugenliste: Die CEOs der drei großen Energiekonzerne Iberdrola, Endesa und Naturgy sind erschienen, ebenso die Spitze von Red Eléctrica und Vertreter der Regulierungsbehörde. Doch der ranghöchste Regierungsvertreter war bislang Energiestaatssekretär Joan Groizard – ausgerechnet er, der für eine Energiepolitik steht, die sich von Kernkraft und fossilen Brennstoffen verabschieden will. Die konservative Opposition nutzt die Bühne, um die eigene Erzählung zu etablieren: Die Energiewende sei schuld am Blackout, die Netzbetreiber würden politisch gegängelt, und die Regierung verstecke sich hinter technischen Details.
Das ist nicht nur polemisch, es ist nachweislich unpräzise. Die genaue Ursache des Blackouts ist bis heute nicht abschließend geklärt – aber die ersten Berichte verweisen auf eine fatale Verkettung von Schutzmechanismen im Übertragungsnetz. Das ist ein systemisches Problem, kein politisches. Wer jetzt Aagesen in die Zeugenbank zwingen will, verwechselt Ursache und Wirkung – und entlarvt die eigene Agenda.
Die Uhr tickt – und das ist kein Zufall
Die Verlängerung bis vor Weihnachten ist keine technische Notwendigkeit, sondern ein politischer Puffer. Im Congreso weiß man: Sollten die Haushaltsverhandlungen scheitern oder die Regierung in eine Regierungskrise geraten, kann der Untersuchungsausschuss zum perfekten Wahlkampfwerkzeug werden. Die PP hat verstanden, dass die Aufarbeitung des Stromausfalls nicht auf einer Ebene der Sachverständigen gewonnen wird, sondern auf dem Feld der politischen Deutungshoheit. Sie will den Blackout als Symbol einer gescheiterten Energiepolitik verankern – und Aagesen als deren Gesicht.
Am Ende wird es darauf ankommen, ob die Kommission tatsächlich die technischen Fakten klärt oder zur politischen Schaubühne verkommt. Die nächsten Wochen entscheiden, ob Spanien aus diesem Desaster lernt – oder ob es nur eine weitere Trumpfkarte im parteipolitischen Poker bleibt. Die Dunkelheit war real. Die Erkenntnisse, die bislang ans Licht kamen, sind es nicht.
Wie der spanische Nachrichtendienst 20 Minutos aus Parlamentskreisen berichtet, sollen die nächsten Anhörungen am 14. und 27. Oktober stattfinden.
Quelle: 20minutos.es