Baskenland droht massive Arbeitskräftelücke

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Bilbao

Baskenland droht massive Arbeitskräftelücke

von Redaktion4 Min. Lesezeit

Die Wirtschaft im Baskenland steht vor einem gravierenden personellen Engpass. Wie aus einer aktuellen Analyse der Unternehmensvereinigung Confebask hervorgeht, könnte der Region bis zum Jahr 2035 ein kumuliertes Defizit von etwa 240.900 Arbeitskräften drohen, sollten nicht zeitnah umfassende Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Die Studie mit dem Titel „Reto Demográfico y Competitividad en Euskadi“, die von der Beratungsfirma leteam erstellt und am Mittwoch in Bilbao präsentiert wurde, beziffert die potenziell ungenutzte Wirtschaftsleistung durch diesen Mangel auf immense 22,6 Milliarden Euro an Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Vom Problem zur strukturellen Belastung

Die Autoren der Untersuchung zeichnen ein klares Bild: Die Schwierigkeit, geeignetes Personal zu finden, sei längst keine vorübergehende Erscheinung mehr, sondern habe sich zu einer strukturellen Herausforderung entwickelt. Diese „strukturelle Talentlücke“ gefährde nachhaltig die Wettbewerbsfähigkeit des Baskenlandes. Der Fachkräftemangel werde durch mehrere Faktoren verstärkt: eine alternde Bevölkerung, eine sinkende Zahl erwerbsfähiger Menschen und ein eklatantes Missverhältnis zwischen den Anforderungen der Unternehmen und den Qualifikationen der Arbeitssuchenden. Die Zahlen untermauern diese Einschätzung eindrucksvoll: Hatten vor einem Jahrzehnt noch 41 Prozent der Firmen Probleme, passende Bewerber zu finden, so liegt dieser Anteil heute bei alarmierenden 91 Prozent.

Dimensionen des Arbeitskräftemangels

Die Projektionen für die kommenden Jahre verdeutlichen das Ausmaß der Aufgabe. Bis 2045 wird voraussichtlich jeder dritte Einwohner älter als 65 Jahre sein. Gleichzeitig wird die Zahl der aktiven Personen im Vergleich zu 2025 um fast 90.000 sinken. Diese demografische Entwicklung trifft auf einen Arbeitsmarkt, der bereits jetzt unter einem eklatanten Qualifikationsungleichgewicht leidet. So entfallen zwar 82 Prozent der Nachfrage der Unternehmen auf sechs große Studienrichtungen, aber nur 38 Prozent der Hochschulabsolventen spezialisieren sich in diesen Bereichen.

Bis 2035 errechnet die Studie einen Gesamtbedarf von rund 344.700 Arbeitskräften. Dieser setzt sich zusammen aus etwa 253.500 Ersatzbedarf durch anstehende Pensionierungen und rund 91.100 zusätzlichen Stellen durch das erwartete Unternehmenswachstum. Diesem Bedarf stehen lediglich gut 103.800 neue Erwerbspersonen gegenüber, woraus sich das besagte Netto-Defizit von fast 241.000 Personen ergibt.

Hohe Kosten für den Sozialstaat

Die wirtschaftlichen Folgen des Nichthandelns sind erheblich und wurden von den Studienautoren beziffert. Neben den entgangenen 22,6 Milliarden Euro an BIP würde der Fiskus bis 2035 auch deutlich geringere Einnahmen verzeichnen. So würden voraussichtlich rund 1,27 Milliarden Euro weniger an Einkommenssteuer (IRPF) und etwa 2,73 Milliarden Euro weniger an Sozialversicherungsbeiträgen der Arbeitgeber in die Kassen fließen. Dies könnte den Sozialstaat spürbar belasten, warnen die Experten.

Vier Handlungsfelder als Ausweg

Angesichts dieser düsteren Prognose betonen die Verfasser der Studie, dass Einzelmaßnahmen nicht ausreichen werden. Das Baskenland konkurriere nicht nur um Investitionen, sondern zunehmend um die Menschen, die diese Wirtschaftsleistung erst ermöglichen. Daher schlägt Confebask ein koordiniertes Vorgehen auf vier zentralen Ebenen vor:

Gesteuerte Zuwanderung: Da die Region zur Stabilisierung der Erwerbsbevölkerung zunehmend auf Zuwanderung angewiesen ist, werden konkrete Maßnahmen gefordert. Dazu gehören ein digitales Verzeichnis für offene technische Stellen, Pilotprojekte für die Anwerbung im Ausland, ein beschleunigtes Verfahren zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse sowie eine spezialisierte Beratungsstelle für Unternehmen, die international rekrutieren möchten. Derzeit ist der Anteil ausländischer Arbeitskräfte in Industrie und Baugewerbe noch gering, während er im Dienstleistungssektor bei über 73 Prozent liegt.

Gezielte Talentförderung: Das Bildungssystem müsse stärker auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet werden, um den Fachkräftemangel zu lindern und die bestehende strukturelle Arbeitslosigkeit abzubauen. Ein neues Verständnis von Unternehmenskultur wird hierfür ebenso als notwendig erachtet.

Koordinierte Steuerung: Eine integrierte Strategie soll die zersplitterten Zuständigkeiten bündeln. Vorgeschlagen werden ein zentrales Gremium mit Entscheidungsbefugnissen, eine landesweite Talentstrategie, ein Netzwerk von „Welcome Centers“ für internationale Fachkräfte und die Verknüpfung der Talentpolitik mit der Wohnungspolitik.

Sichere Wohnraumversorgung: Ein entscheidender Faktor für die Anziehung und Bindung von Fachkräften ist laut Studie die Verfügbarkeit von bezahlbarem und stabilem Wohnraum. Daher sei eine enge Abstimmung von Wohnungs-, Beschäftigungs- und Wirtschaftspolitik mit speziellen Programmen für junge Menschen und internationale Experten, insbesondere im Bereich des bezahlbaren Mietwohnungsbaus, unerlässlich.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Zukunftsfähigkeit des Baskenlandes maßgeblich davon abhängen wird, ob es gelingt, das benötigte Talent zum richtigen Zeitpunkt verfügbar zu haben. Wie es in dem Bericht heißt, müsse die Region über vier komplementäre „Hebel“ – Steuerung, Einwanderung, Talententwicklung und deren Bindung – handeln, um die Herausforderungen zu bewältigen. Die Präsentation der Ergebnisse erfolgte im Rahmen einer Veranstaltung mit dem Titel „Reto democrático y competitividad, una tarea urgente que abordar“ im Palacio Euskalduna.


Quelle: europapress.es

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