Rechtsruck in Aragonien: Steuersenkungen gegen Menschenrechte

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Aragonien

Rechtsruck in Aragonien: Steuersenkungen gegen Menschenrechte

von Redaktion

Ein Pakt mit zwei Gesichtern

Die politische Landkarte Spaniens verändert sich weiter. Nach Extremadura hat nun auch Aragonien einen Koalitionsvertrag zwischen der konservativen Volkspartei (PP) und der rechtspopulistischen Vox. Auf den ersten Blick präsentiert sich das 39-seitige Dokument als Werk pragmatischer Regionalpolitik: Steuersenkungen, mehr Pflegeheimplätze, der Kampf gegen die Landflucht und eine kostenlose erste Immatrikulation für Studenten stehen darauf. Doch wer genauer hinsieht, erkennt den ideologischen Kern. Es ist der zweite Pakt dieser Art und festigt einen gefährlichen Trend: Die Normalisierung einer Politik der Ausgrenzung und der gezielten Demontage des sozialen Zusammenhalts.

Wie aus dem Vertragstext hervorgeht, wird die umstrittene “Prioridad Nacional”, die bereits in Extremadura eingeführt wurde, auch in Aragonien zum Leitprinzip für den Zugang zu Sozialleistungen und öffentlichem Wohnraum erhoben. Dieses Konzept, das einen “wirklichen, dauerhaften und überprüfbaren” Verwurzelungsnachweis verlangt, ist nichts anderes als eine administrative Hürde, die bestimmte Bevölkerungsgruppen systematisch benachteiligen soll. Es ist die politische Umsetzung des Vox-Narrativs von den “eigenen Leuten zuerst”.

Der Preis der Steuersenkungen: Eine geschlossene Gesellschaft

Die populären Maßnahmen des Paktes dienen als süßer Köder. Eine schrittweise Senkung der regionalen Einkommensteuer für alle unter 52.500 Euro Jahreseinkommen, Prämien für Geburten und Steuererleichterungen im ländlichen Raum sind klare Wahlgeschenke. Gleichzeitig wird jedoch eine andere, finstere Agenda mit brutaler Klarheit verfolgt. Die Linie ist unmissverständlich, wie eine Analyse des Dokuments zeigt: “Keine MENA mehr” – so lautet die zynische Abkürzung für unbegleitete minderjährige Migranten, deren Aufnahme kategorisch abgelehnt wird. Für bereits in der Region lebende junge Migranten verspricht der Pakt ein verschärftes Disziplinarregime und teure Altersüberprüfungen.

Die Rhetorik ist entlarvend. Von “massiver und illegaler Einwanderung” ist die Rede, deren angebliche Verbindung zur Kriminalität durch regelmäßige Statistiken “belegt” werden soll – eine Methode, die von Vox-Chef Santiago Abascal perfektioniert wurde. Die geplanten Maßnahmen lesen sich wie ein Handbuch der Abschottung: Repatriierungsabkommen, ein Burka-Verbot in der Öffentlichkeit, Kürzungen bei NGOs, die “illegale Einwanderung fördern”, und die Streichung von Mitteln für internationale Entwicklungszusammenarbeit. Das Ziel, so der Vertrag, sei die Reduzierung der “Verschwendung”. Hier wird Humanität zur Haushaltsfrage degradiert.

Sicherheit als Kampfbegriff gegen Schwache

Unter dem Deckmantel der “Sicherheit” wird im Pakt vor allem gegen diejenigen vorgegangen, die am verwundbarsten sind. Ein Großteil des entsprechenden Kapitels widmet sich der Bekämpfung von Hausbesetzungen (“Okupas”). Express-Räumungen sollen strikt angewendet, Verurteilte von öffentlichem Wohnraum ausgeschlossen werden. Selbst die Eintragung ins Melderegister soll für Personen ohne offiziellen Wohnungsnachweis ungültig sein, ein Angriff auf die Grundversorgung von Menschen in prekären Situationen. Parallel dazu fordert die Koalition vom Zentralstaat neue Gerichte in Alcañiz, Jaca, Monzón und Barbastro und will die Budgets für lokale Polizeikräfte aufstocken. Die Botschaft ist klar: Der Staat zeigt Stärke nicht durch soziale Fürsorge, sondern durch Repression.

Fazit: Ein Modell mit Signalwirkung

Der aragonische Pakt ist mehr als eine regionale Vereinbarung. Er ist ein Blaupause für den rechtskonservativen Machtblock in Spanien. Er zeigt, wie man mit steuerpolitischen Zugeständnissen die Mitte gewinnt, um im Schatten dessen eine illiberale Agenda durchzusetzen. Die kostenlose Uni-Matrikel und die Säuberung des Ebro sind die Schokoladenseite. Die Kehrseite ist die systematische Ausgrenzung von Migranten, die Kriminalisierung von Armut und die Etablierung eines Zwei-Klassen-Systems bei Grundrechten. Aragonien testet, wie weit die Gesellschaft bereit ist, für ein paar Euro mehr im Portemonnaie ihre eigenen Werte zu verkaufen. Die Antwort darauf wird Spaniens Zukunft prägen.

Quellen: Der vorliegende Artikel analysiert die im Originalbericht von 20minutos.es vom 20. Juni 2024 dargestellten Inhalte des Koalitionsvertrags zwischen PP und Vox in Aragonien.

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