
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Andalusien als Schlachtfeld der Nation
Ein Pyrrhussieg als Mahnung
Pedro Sánchez hat den Termin gesetzt, doch die Bühne gehört einem anderen: Andalusien. Wenn Spanien am 29. November zur Wahlurne schreitet, blickt das ganze Land auf den Süden. Denn hier, wo der Konservative Juanma Moreno gerade erst seine dritte Amtszeit als Regionalpräsident angetreten hat, entscheidet sich mehr als nur die Sitzverteilung im Congreso. Es ist der Lackmustest für eine fragile Koalition, die Geschichte geschrieben hat – und womöglich genau daran zerbricht.
Man muss sich die Zahlen der Regionalwahl vom 17. Mai vergegenwärtigen, um die Dramaturgie zu verstehen. Die konservative Volkspartei (PP) triumphierte mit 41,5 Prozent und 53 Sitzen, verfehlte die absolute Mehrheit jedoch um Haaresbreite. 2022 hatte man noch 58 Mandate geholt. Der Absturz ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines riskanten Kalküls. Um zu regieren, schloss Juanma Moreno einen Pakt mit der rechtspopulistischen Vox-Partei – den vierten seiner Art innerhalb weniger Monate nach ExtreMadura, Aragonien und Kastilien-León. Der Preis für die Macht: die normative Kraft des Anstands, geopfert auf dem Altar des politischen Überlebens.
Die zersplitterte Linke als stille Beobachterin
Während die Rechte ihre Kräfte bündelt, bietet die Linke ein Bild der Zerrissenheit. Die Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) unter María Jesús Montero stürzte auf 22,7 Prozent ab – das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der andalusischen Sozialdemokratie. Mit nur noch 28 Sitzen ist sie zwar zweitstärkste Kraft, aber von einer Führungsrolle weit entfernt. Die eigentliche Überraschung lieferte jedoch die linksgerichtete Adelante Andalucía, die mit 9,6 Prozent und acht Sitzen die gespaltene Koalition Por Andalucía (IU, Podemos, Sumar) auf den fünften Platz verwies. Fünf Jahre nach dem historischen Desaster der Einheitsliste ist die progressive Bewegung in der Region ein Flickenteppich ohne strategische Mitte. Wer hier von einem „europaweiten Rechtsruck" spricht, ignoriert, dass die Linke sich selbst erledigt hat.
Sánchez' riskantes Spiel mit dem Feuer
Doch der eigentliche Coup liegt in Madrid. Die Ansetzung der Parlamentswahlen auf den 29. November – nur sechs Monate nach den Regionalwahlen und ein halbes Jahr vor den Kommunalwahlen – ist ein Schachzug, der an politische Hybris grenzt. Sánchez will offenbar die andalusische Dynamik nutzen, um seine angeschlagene Minderheitsregierung zu stabilisieren. Doch die Rechnung könnte nach hinten losgehen.
Die Daten der letzten allgemeinen Wahlen von 2023 sprechen eine klare Sprache: Damals gewann die PP mit über 1,59 Millionen Stimmen (36,4 Prozent) und 25 Sitzen in Andalusien, während die PSOE mit 1,46 Millionen (33,5 Prozent) und 21 Mandaten nur knapp dahinter lag. Vox sicherte sich mit 15,3 Prozent neun Abgeordnete. Diese Zahlen sind eine gravierende Warnung an Sánchez: In Andalusien hat die Linke seit Jahren keinen einzigen Wahlkampf gewonnen – und der Trend setzt sich fort. Wer glaubt, die Region sei ein Selbstläufer für die Sozialisten, hat die Realität der letzten Dekade verschlafen.
Eine Region im Schatten der Koalition
Der Wahlkampf wird zur Zerreißprobe für die erste PP-Vox-Regierung in Andalusien. Die Liberalisierung, die Moreno einst als „modernisierungspolitisches Projekt" feierte, hat längst ihren Glanz verloren. Unter dem Druck der Rechtspopulisten wird nun über Einwanderung, Gender-Politik und die Autonomiefrage gestritten – Themen, die in Madrid längst zur Alltagsrhetorik gehören. Doch die andalusische Bevölkerung ist gespalten: Während die Landbevölkerung auf die Versprechen der Koalition hereinfällt, wächst in den Metropolen wie Sevilla und Málaga der Widerstand.
Die Umfragen vor dem 29. November zeigen ein Patt. Die PP kann ihr Ergebnis von 2023 halten, die PSOE stagniert, und Vox könnte sich als dritte Kraft etablieren – auf Kosten der Konservativen. Sollte Sánchez diese Rechnung aufgehen, wäre es ein Triumph des Pragmatismus. Sollte sie jedoch fehlschlagen, droht Spanien eine politische Blockade, die ihresgleichen sucht. Andalusien wird nicht nur über die Zukunft der Region entscheiden, sondern über die Frage, ob Spanien weiterhin von Minderheiten regiert wird – oder endlich von der Mehrheit.
Die Quellen, darunter die andalusische Tagespresse und Wahlanalysen von Europa Press, belegen: Die Region ist zum politischen Pulverfass geworden. Die Frage ist nicht mehr, ob es knallt – sondern wann. Am 29. November könnte die Antwort kommen. Und sie wird wehtun.
Quelle: europapress.es