
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Adamuz-Ermittlung droht sich zu verzögern
Ein Jahr nach der Katastrophe: Kein Ende der Aufklärung in Sicht
Es war das schwerste Zugunglück in Spanien seit Jahrzehnten: 46 Menschen starben, als im Januar ein Hochgeschwindigkeitszug bei Adamuz in der Provinz Córdoba entgleiste. Nun steht fest: Die Aufarbeitung wird zur Geduldsprobe. Die neu geschaffene Unfalluntersuchungsbehörde Aitat hat offiziell mitgeteilt, dass der Abschlussbericht nicht wie geplant innerhalb von zwölf Monaten vorliegen wird. Die Begründung? Der Fall sei „außergewöhnlich komplex“ – einer der schwierigsten, mit denen Ermittler je konfrontiert waren.
Doch was wie eine technische Formalie klingt, entpuppt sich für die Hinterbliebenen als Skandal. Mario Samper, Präsident der Opfervereinigung, spricht gegenüber Europa Press von einem „Schlag ins Gesicht“ und nennt die Verzögerung „unfassbar und inakzeptabel“. Besonders bitter: Die Behörde selbst hatte monatelang über Personalmangel geklagt.
Drei Ermittler für 46 Tote
Die Zahlen, die Samper nennt, sind vernichtend. „Die Untersuchung startete mit drei Ermittlern und läuft bis heute mit drei Ermittlern. In manchen Monaten waren es nur zwei“, so der Opfervertreter. Man müsse sich das einmal vorstellen: Für die Aufklärung eines Unglücks mit fast einem halben Tausend Betroffener stehen offenbar nicht mehr Ressourcen bereit als für einen Bagatellfall.
Die Schuld sieht Samper nicht nur bei der alten Behörde CIAF, sondern auch bei deren Nachfolgerin Aitat. Man habe die Forderungen nach mehr Personal ignoriert. Die neue Führung zeige ebenfalls wenig Engagement. Ein Armutszeugnis für ein Land, das seine Hochgeschwindigkeitsstrecken gerne als Vorzeigeprojekt vermarktet.
Ein Skandal namens Adif
Besonders brisant ist ein weiterer Vorwurf: Schon früh hatte die Vorgängerbehörde CIAF offenbar Empfehlungen zur Sicherheit formuliert – etwa zur besseren Detektion von Schienenbrüchen, der mutmaßlichen Unglücksursache. Diese Empfehlungen aber wurden nie offiziell veröffentlicht. Samper zufolge gestand der neue Aitat-Präsident Gonzalo Julián Guillén ihm gegenüber sogar freimütig: „Wir können diese Vorschläge nicht herausgeben, sonst kreuzigen wir Adif.“
Adif, das ist die staatliche Eisenbahninfrastrukturgesellschaft. Und genau hier liegt der Kern des Problems. Eine unabhängige Untersuchung, die dem Betreiber womöglich schwere Versäumnisse nachweist, scheint politisch nicht gewollt. Währenddessen treffen sich Beamte der Eisenbahnsicherheitsagentur mit den Opfern und behaupten, sie hätten die Empfehlungen nie erhalten – obwohl diese öffentlich zugänglich seien.
Sicherheitslücken, die jeder kennt
Die Liste der von den Opfern geforderten Maßnahmen liest sich wie ein Lehrbuch der Ignoranz: verbesserte Schienenbruch-Erkennung, Gepäckverstauung, die Passagiere nicht zu Geschossen macht, und Überwachungskameras in den Zügen. Samper verweist auf einen erschreckenden Vorfall: Ein umgestürzter Waggon wurde 500 Meter mitgeschleift, ohne dass der Lokführer es bemerkte. Hätte eine Kamera das nicht zeigen müssen?
Der Blick nach Japan, wo man seit Jahrzehnten auf Sicherheit setzt, statt auf Prestigeobjekte in Saudi-Arabien, scheint in Madrid nicht erwünscht. Die Opfer fordern Konsequenzen. Stattdessen bekommen sie Vertröstungen und den Verweis auf die laufende juristische Aufarbeitung.
Die Kernfrage wird immer drängender: Was nützen Sicherheitsempfehlungen, wenn sie aus Angst vor politischem Schaden unter Verschluss gehalten werden? Die Angehörigen der 46 Toten haben ein Recht auf die Wahrheit – und zwar ohne weitere Verzögerung. Dass die Aitat nun mehr Zeit braucht, mag formal korrekt sein. Dass aber gleichzeitig die entscheidenden Sicherheitshinweise in der Schublade verschwinden, ist ein unhaltbarer Zustand.
Wie Europa Press unter Berufung auf die Opfervereinigung berichtet, bleibt die Untersuchung vorerst in der Analysephase – ohne konkretes Enddatum.
Quelle: europapress.es