
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
770.000 Erwerbstätige trotz Job arm
Ein Job schützt in Spanien immer weniger vor Armut. Laut einer Studie von Oxfam Intermón rutschen rund 770.000 Erwerbstätige allein durch ihre Wohnkosten unter die Armutsgrenze. Sie haben also Arbeit, zahlen Miete oder Hypothek – und bleiben danach mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zurück.
Damit steigt die sogenannte Armutsquote trotz Beschäftigung von 11,5 auf 15,5 Prozent. Das bedeutet: Einer von sechs Arbeitnehmern hat nach Abzug der Wohnkosten zu wenig Geld für ein würdevolles Leben. „Diese Menschen zahlen ihre Wohnung jeden Monat mühsam, doch danach bleibt nichts für den Rest“, sagt Alejandro García-Gil, Sozialexperte bei Oxfam Intermón. Er sieht die Wohnungsfrage inzwischen als einen der größten Treiber für Verarmung und Ungleichheit.
Mieter besonders betroffen
Besonders hart trifft es jene, die am freien Markt zur Miete wohnen. Bei ihnen liegt die Armutsquote nach der Wohnungszahlung bei 34,1 Prozent – vorher waren es 19,35 Prozent. Jeder dritte erwerbstätige Mieter rutscht also durch die Miete in die Armut. Zum Vergleich: Bei Eigentümern liegt die Quote nach der Wohnungszahlung bei 10,2 Prozent mit laufender Hypothek und bei 8 Prozent ohne Kredit.
Das Problem: Wer wenig verdient, kann kaum sparen und hat kaum Chancen, in eigenes Eigentum zu wechseln. Die Experten befürchten zudem, dass sich die Lage weiter zuspitzt, weil die Mietpreise seit 2022 kräftig steigen.
Regionale Unterschiede eklatant
Ohne Berücksichtigung der Wohnkosten ist die Armutsquote in Andalusien mit 17,7 Prozent am höchsten. Doch sobald die Wohnung bezahlt ist, sieht die Verteilung anders aus: In Madrid und Katalonien steigt die Quote rasant – von 7,3 auf 12,7 Prozent bzw. von 7,9 auf 12,9 Prozent. Beide Regionen gehören zu den teuersten Wohnungsmärkten des Landes.
Die hohen Preise in Madrid wirken sich sogar auf die Nachbarregionen aus. In Kastilien-León und Kastilien-La Mancha liegt die Armutsquote unter Mietern nach der Wohnungszahlung bei rund der Hälfte. Viele Pendler ziehen dorthin, weil die Mieten in Madrid unbezahlbar sind – und erhöhen damit den Druck auf die dortigen Märkte.
Arbeitsmarkt liefert keine Lösung
Die Studie macht deutlich, wie sehr die Wohnungsnot ein chronisches Problem verschärft: In den letzten drei Jahren ist die Armutsquote trotz Beschäftigung kaum gesunken – von 11,64 auf 11,48 Prozent. In derselben Zeit wuchs die spanische Wirtschaft um über sechs Prozent. Bei diesem Tempo würde Spanien 59 Jahre brauchen, um das EU-Niveau von 8,2 Prozent zu erreichen.
Ein Grund laut Oxfam Intermón: Viele neue Jobs, die das Wirtschaftswachstum tragen, sind nicht gut bezahlt. Besonders betroffen sind Migranten. Bei Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Ländern stieg die Armutsquote innerhalb von zwei Jahren von 29,5 auf 31,4 Prozent – während sie bei Spaniern und EU-Ausländern sank.
„Arbeit galt immer als bestes Mittel gegen Armut“, sagt García-Gil. „Doch dieses Mittel reicht nicht mehr.“ Die Lohnzuwächse bleiben deutlich hinter den steigenden Wohnkosten zurück. Das Ergebnis: Ein Gemisch aus Niedriglohn und hohen Mieten erdrückt Hunderttausende Haushalte. Die Organisation fordert deshalb, Arbeitsmarkt- und Wohnungspolitik gemeinsam zu denken.
Dazu gehören aus Sicht von Oxfam Intermón gesetzlich abgesicherte Mindestlohnanpassungen und eine Stärkung der Tarifverhandlungen. Zudem müsse das Statut für Praktikanten endlich verabschiedet werden, um junge Menschen zu schützen. Im Wohnungsbereich brauche es dringend neue Initiativen, damit Wohnen nicht länger zum Armutsrisiko wird.
Wie Oxfam Intermón weiter berichtet, basiert die Analyse auf der EU-weiten Erhebung zu Lebensbedingungen aus dem Jahr 2025. Die Daten zeigen, wie tief die Wohnungsfrage in die soziale Stabilität Spaniens eingreift – und dass Wirtschaftswachstum allein keine gerechtere Gesellschaft schafft.
Quelle: 20minutos.es