
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
15 Jahre ohne ETA: Pradales fordert tägliche Demokratiearbeit
Eine Zäsur ohne Schlussstrich
Fünfzehn Jahre sind vergangen, seit ETA ihre Waffen niederlegte. Doch für den baskischen Ministerpräsidenten Imanol Pradales ist der 20. Oktober 2011 kein Datum, um in Selbstzufriedenheit zu verharren. In einem Gastbeitrag zieht er eine nüchterne Bilanz: Die Erleichterung über das Ende des Terrors sei groß, doch der gesellschaftliche Frieden sei keineswegs gefestigt. Vielmehr lastet nach seiner Überzeugung eine unbezahlte moralische Schuld auf jenen, die den Terror einst unterstützten.
Pradales erinnert an ein halbes Jahrhundert des Schreckens, an Tausende Ermordete, Entführte und Bedrohte. Sein wichtigster Vorwurf richtet sich gegen diejenigen, die diese Gewalt ermöglichten – nicht nur die Täter selbst, sondern auch die intellektuellen Wegbereiter und lauten Sympathisanten. Die radikale Linke des Baskenlandes habe die Gewalt nicht nur toleriert, sondern durch ihre Drohkulisse die Strategie der „Sozialisierung des Schmerzes" aktiv vorangetrieben.
Eine bittere Gegenwartsdiagnose
Besonders deutlich wird Pradales in seiner Kritik an der aktuellen Haltung der linken Abertzale. Er nennt es „intolerabel", dass Mitglieder der Terrororganisation bis heute idealisiert oder ihre Bilder in der Öffentlichkeit gezeigt würden. Ebenso wenig akzeptabel sei es, dass sich die politische Linke bei Gedenkinitiativen für die Opfer enthalte oder es vermeide, sich klar gegen Bedrohungen von Amtsträgern zu positionieren.
Der Ministerpräsident stellt eine unbequeme Frage in den Raum: Tut die baskische Gesellschaft wirklich genug, um die Erinnerung wachzuhalten? Seine Antwort ist ein klares Nein. Die Erinnerung an das Erlebte müsse aktiv gepflegt werden, nicht als Ritual, sondern als tägliche Verpflichtung. Eine Demokratie, die auf Vergessen aufbaue, sei zum Scheitern verurteilt. Der Zusammenhalt brauche mehr als die bloße Abwesenheit von Bomben.
Ein moralischer Kompass für die Zukunft
Seine Analyse endet nicht in der Vergangenheit. Pradales zeichnet die Konturen einer zeitgemäßen Erinnerungskultur, die sich gegen neue Gefahren richtet. Er warnt vor einem Wiedererstarken autoritärer und populistischer Strömungen, die Gewalt verharmlosten. Gegen diese Tendenzen helfe nur eine klare Haltung, die sich an der Würde des Einzelnen und den Menschenrechten orientiere.
Der Blick auf die Geschichte gebe dafür einen Kompass an die Hand. Er verweist auf die Gründungsgeneration des ersten baskischen Autonomiestatuts und auf die Zivilgesellschaft, die nach der Demokratisierung für Frieden und Freiheit demonstrierte. Diese Tradition gelte es, gegen jede Form der Polarisierung und Entmenschlichung des politischen Gegners zu verteidigen. Für Pradales ist dies keine optionale Sonntagsrede, sondern die Bedingung dafür, kommenden Generationen ein Leben ohne die Angst vor Anschlägen vererben zu können.
Wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtet, sieht der Lehendakari in der unerschütterlichen Haltung der Demokraten den entscheidenden Faktor für das Ende der Gewalt. Daran müsse täglich weitergearbeitet werden. Die Lektion der Geschichte lautet für ihn: Wer die Vergangenheit ausblendet, riskiert ihre Wiederholung.
Quelle: europapress.es